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Vom Wesentlichen braucht man sich nicht zu distanzieren
von Michaela Kaden

(Dieser Artikel ersetzt eine kurzzeitig veröffentlichte Version, deren Inhalt nicht vollständig im Sinne Michaela Kadens war. Wir bitten um Entschuldigung.)

Die Berichterstattung in einigen Medien zu Bert Hellinger und der Arbeit mit Familienaufstellungen veranlasste mich zu einer Stellungnahme.

Ich bin Psychologin und ausgebildete systemische Therapeutin. Bert Hellinger und seine Arbeit lernte ich 1994 in einem Seminar kennen. Seit 8 Jahren wende ich das Familienstellen in der Gruppen- und Einzelpraxis erfolgreich an und bilde seit 1998 andere Therapeuten in dieser Arbeit sowohl in Deutschland als auch international aus.

Auf diesem Weg des Lernens haben sich nicht nur meine therapeutischen Fähigkeiten erweitert, sondern vor allem auch die Sicht auf Geschehnisse und Verstrickungen in Familien in Verbindung mit den geschichtlichen Ereignissen eines Landes oder einer Kultur.
Diese Entwicklung verdanke ich zum großen Teil der inneren Auseinandersetzung mit dem Familienstellen in all seinen vielschichtigen Dimensionen und dem immer wieder neuen Prüfen und Durchdenken der theoretischen und philosophischen Einsichten Bert Hellingers. Die persönlichen Wandlungen in Form der Klärung von eigenen Verstrickungen, die respektvolle Haltung zum Klienten und all den Schicksalen in seiner Familie sowie die Wahrung und Festigung der eigenen Authentizität sind Teil dieses Weges.

Für meine Arbeit ist vor allem das Erkennen der Wirkungsweisen des Gewissens in seiner persönlichen und kollektiven Dimension wesentlich sowie das Verständnis für die Folgen, die es für den Einzelnen, die Familie und die Gesellschaft hat. Die "Ordnungen", wie sie oft in den entspannenden und heilsamen Worten oder Bewegungen während einer Aufstellung sichtbar werden, haben in diesem Verständnis ihren Ursprung. Ein klares Betrachten, Anerkennen und, wenn möglich, Lösen der Gewissensbindungen macht innere Bewegungen möglich, die zu einem adäquaten Handeln im Einklang mit der Realität befähigen und persönliche und kollektive Verdrängungsmuster überflüssig machen.

Das kann jeder erfahren, der sich ohne Vorurteile dieser Arbeit stellt und auf kundige Weise begleitet wird. Die grundlegenden Einsichten Hellingers zur den "Bindungen des Gewissens" werden jedoch von fast allen Berichterstattern in Presse und TV, und manchmal auch von Anwendern des Familienstellens, nicht nachvollzogen. Das Phänomen "Aufstellung" ist oft so brisant und erstaunlich, dass die Essenz der tiefer liegenden theoretischen Erkenntnisse vernachlässigt wird und Verwirrung statt Sinnstiftung die Folge ist.

So wie viele Berichterstatter in Zeitungen und Fernsehen, wünsche auch ich mir aufgeklärte, selbstständige, und handlungsfähige Mitmenschen, die in der Lage sind, Realität klar zu sehen. Dem sollte eine wachsame, öffentlich Berichterstattung und Aufklärung durch die Medien dienen. Eine Tendenz in den Medien zielt jedoch mittlerweile auf die Forderung, sich von der Arbeit mit Familienaufstellungen insgesamt und von Bert Hellinger als Person zu distanzieren.

Diese Aufforderung, und die damit einhergehende Entrüstung, bezieht sich insbesondere auf Hellingers Verständnis zur Versöhnung von Opfern und Tätern.

Abwehr ist eine nachvollziehbare persönliche und gesellschaftliche Reaktion auf konfrontierende Ereignisse und Sichtweisen, die den bisherigen Konsens infrage stellen. In der gegenwärtigen Form jedoch werden Abwertung und Verurteilung zum Ausdruck einer Meinung, die sich darin erschöpft, sich anderen gegenüber "besser" oder "richtiger" zu fühlen. Das wird meist in aller Unschuld vorgetragen und mit "gutem Gewissen" gegenüber der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt. Die Geschichte, insbesondere in Deutschland, bietet dafür reichliche Beispiele.

Wenn eine Berichterstattung auf gesellschaftlichen Druck zur Distanzierung hinwirkt - sollte es dann nicht die Aufgabe der wirklich Fragenden, im klassischen Sinn "Aufklärenden" sein, das Neue und Konfrontierende zu erkunden, zu verstehen und in seiner Bedeutung sichtbar zu machen? Diese Frage richtet sich an diejenigen, die in den Medien die redaktionellen Vorgaben formulieren genauso, wie an diejenigen, die mit Aufstellungen praktisch arbeiten.

In den Jahren 2001 - 2003 habe ich an Bert Hellingers Kursen in Israel teilgenommen und dort anschließend mehrere Seminare zur Weiterbildung von Therapeuten geleitet. Viele der Teilnehmer hatten Angehörige im Holocaust verloren. Die Herausforderung, im Angesicht der zahllosen Wunden mir selbst und anderen gegenüber wahr und offen zu bleiben, und der tiefe Respekt für alle Kollegen und Teilnehmer mit denen ich dort arbeiten durfte, sind mir eine kostbare Erfahrung - als Lernende und als Lehrende.

Weshalb sollte ich mich von einer Person und einer Methode distanzieren, die mir dazu verholfen haben, als Deutsche, mit jüdischen Mitmenschen in Israel zu arbeiten? Weshalb sollte ich mich von einer Person und einer Methode distanzieren, die einen Weg zur Versöhnung unserer tiefsten persönlichen und geschichtlichen Wunden erkundet? Bert Hellinger ist ein Lehrer, der diese Wege beschreitet, auch wenn sie unserem Verstand, der die Unterschiede setzt, ungewöhnlich erscheinen. Erst wenn Menschen jenseits von ihren Absichten und Vorstellungen in der Tiefe ihrer Seele berührt werden, wenn daraus miteinander eine andere Sicht möglich wird, öffnet sich ein Weg, der Opfer und Täter als Menschen anerkennt. Dann - und erst dann - beginnt eine tiefe Trauer auf beiden Seiten, eine Trauer die verbindet und daher versöhnt.

Wäre es nicht wert, Hellingers Einsichten und Arbeiten zum Thema Opfer und Täter ernst zu nehmen, sie zu bedenken und in der Realität zu prüfen, statt sich über eine pauschale Distanzierung auf die vermeintlich sichere Seite zu schlagen?

Abstand zu schaffen ist manchmal wichtig und angebracht - dann, wenn Neues und im Moment Verwirrendes uns zu sehr in den Bann nimmt. Auch dann, wenn wir spüren, dass jeder seine eigene Form finden muss, dem Neuen und Herausfordernden Ausdruck zu geben. Diese Art von Distanz ist ein Ausdruck von Respekt, da sie im Dienste des Fragens, des Verständnisses und des Weitertragens steht. Die Suche nach angemessener Distanz wird jedoch niemals vernichtende oder ausgrenzende Formen annehmen. Sondern sie ist ruhig, im Einklang mit unserer Seele, mit den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten - und daher kraftvoll. Dann setzt sich das Wesentliche durch - in uns und in der Art, wie wir es weitergeben. Die Erkenntnis des Wesentlichen gelingt unabhängig davon, welchen Weg Bert Hellinger persönlich wählt und unabhängig davon, welche Meinung in den Medien gerade vorherrscht.

Damit würde auch die aufgeregte Faszination schwinden, die sich wiederholt lediglich mit der Frage beschäftigt, ob Hellingers Arbeit und seine Erkenntnisse nun als richtig oder falsch, hilfreich oder gefährdend zu bewerten sind. An diese Stelle kann ein respektvolles und klares Schauen treten, das selbstständig und verantwortungsvoll anhand der täglichen Realität in der Arbeit mit Klienten prüft, was dem Fortschritt dient und welche Form zu wählen ist, ihm Raum zu geben. Auf diese Weise lernen wir.

Vielleicht sind Hellingers Gedanken und Handlungen zu kühn und zu provokativ, um in unserem öffentlichen Bewusstsein vollständig angenommen zu sein. Zumindest jedoch können sie uns zeigen, wie wir anerkennen, statt auszuschließen: persönlich, in unseren Familien, in unserer Arbeit und in unserer Geschichte.

Für alle Inspiration und Ermutigung auf diesem Weg bin ich Bert Hellinger aus tiefstem Herzen dankbar.

Informationen zur Autorin

Michaela Kaden

Literaturhinweise

Der Friede beginnt in den Seelen

Rachel weint um ihre Kinder

 


 
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