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Offener Brief des IAG-Vorsitzenden Dr. Albrecht Mahr

( IAG Internationale Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger).

An den Rektor der Luwig-Maximilians-Universität München
Herrn Prof. Dr. rer. pol. Bernd Huber
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München

und an den Präsidenten
der Katholischen Stiftungsfachhochschule München
Herrn Prof. Dr. Michael Pieper
Preysingstr. 83
81673 München

Würzburg, den 2.11.2003

Betr.: Veranstaltung des Studentischen Sprecherrates der Universität München:
"Niemand kann seinem Schicksal entgehen" - notwendige Stellungnahme aus drei Münchner Universitäten zu Methode und Weltanschauung Bert Hellingers
am 4.11.2003 im Uni-Hauptgebäude Geschwister-Scholl-Platz 1

Sehr geehrte Herren Prof. Huber und Prof. Pieper,

als Vorsitzender der IAG - Internationale Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger und als Kollege von Professor Franz Ruppert, Stiftungsfachhochschule München, möchte ich Ihnen zu der o.g. Veranstaltung schreiben, auf der nicht nur Bert Hellinger und Prof. Ruppert sondern darüber hinaus allgemein die Arbeit mit Systemaufstellungen angegriffen werden. Eine Kopie der Einladung zu der Veranstaltung liegt bei.

Ich richte dieses Schreiben an Sie, weil Sie, Herr Prof. Huber als Rektor der Universität München gewissermaßen Hausherr der o.g. Veranstaltung sind; und weil Sie, Herr Prof. Pieper als Leiter der Fachhochschule, an der Prof. Ruppert tätig ist, in besonders verantwortlicher Weise mit dem Für und Wider der Aufstellungsarbeit befasst sind. Prof. Ruppert selbst hat zu der o.g. Veranstaltung bereits ausführlich in seiner eigenen Website Stellung bezogen.

Als Vorsitzender der IAG bemühe ich mich seit einigen Jahren um eine fachlich fundierte Begründung und Weiterentwicklung der Arbeit mit Systemaufstellungen und ich möchte Ihnen dazu i.S. einer Versachlichung der Diskussion einige Erfahrungen und Informationen aus meiner Sicht mitteilen.

Ich habe als ausgebildeter Psychoanalytiker und als Mitglied dreier Fachgesellschaften
( DPG, DGPT, DAGG) mehr als 8 Jahre klinisch und danach über 15 Jahre in eigener Praxis gearbeitet und konnte in dieser Zeit auch als Lehr- und Kontrollanalytiker sehr viel Erfahrungen mit der Psychoanalyse in all ihren Anwendungsfeldern auch bei schwerstgestörten Patienten gewinnen. Darüber hinaus habe ich mich sehr gründlich mit den weiteren, in den letzten Jahrzehnten entwickelten Psychotherapieverfahren befasst, so dass ich einen fundierten Überblick über die z.Zt. praktizierten Psychotherapierichtungen und über ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen habe.

Familienaufstellungen kenne und praktiziere ich seit 13 Jahren und ich habe in ihnen ein überaus wirksames Therapieverfahren vor allem bei den zahlreichen seelischen Erkrankungen gefunden, die durch ungelöste persönliche, familiäre und kollektive Belastungen über mehrere Generationen weitergegeben wurden und durch die bisher praktizierten Therapieverfahren nicht oder kaum erreichbar waren.

Dazu gehören vor allem die Folgen kollektiver Traumata wie der Weltkriege, des Holocaust und vieler vergleichbarer traumatischer Großgruppen-Ereignisse z.B. in China, Russland, im früheren Jugoslawien, in Afrika und in vielen anderen Ländern der Welt.

Ich habe in meiner über 30-jährigen Arbeit als Psychotherapeut kein anderes therapeutisches Verfahren kennengelernt, das so wirksam und tiefgreifend helfen kann, die Folgen von Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg aufzuarbeiten, zu lösen und darüber hinaus Werkzeuge bereit zu stellen zu wirksamer Prävention vergleichbarer Entwicklungen.

Die in der Ankündigung zu o.g. Veranstaltung getroffenen Behauptungen, der Holocaust sei nach Bert Hellingers Weltbild zu Recht geschehen, ist nicht nur absurd und dumm i.S. offensichtlicher Unkenntnis der in Familienaufstellungen weltweit gesammelten Erfahrungen. Diese Behauptung ist auch bedrückend abwertend vor allem gegenüber den vielen Menschen, die als Holocaust-Überlebende und als Nachkommen von Opfern und Tätern durch die Arbeit von Bert Hellinger und vieler anderer mit Aufstellungen arbeitender KollegInnen ganz wesentliche Einsichten, Erleichterung und Heilung erreichen konnten.

Dieser Aspekt der Aufstellungsarbeit, nämlich ihr weitreichendes Potenzial zu Friedens- und Versöhnungsarbeit, scheint mir ihr wichtigster Beitrag überhaupt zu sein. Daß er gerade von Deutschland ausgeht, ist besonders hoch einzuschätzen. Die hohe internationale Anerkennung und kritische Würdigung der Aufstellungsarbeit in nahezu allen Ländern der Welt rührt gerade aus der Tatsache, daß die Folgen kollektiver Traumata für Individuen, Familien und größerer Gemeinschaften mit den Instrumenten der Aufstellungsarbeit so überaus wirksam bearbeitet werden können. Die besondere Kraft der Aufstellungsarbeit rührt nicht zuletzt daher, daß Täterschaft nicht einfach ausgegrenzt und "dort", in anderen lokalisiert wird sondern als zu jedem Einzelnen und zu jeder Gruppe zugehörig erkannt wird - eine entscheidende Voraussetzung dafür, wirksam mit dem umzugehen, was wir als böse fast instinkthaft ausklammern und andere Gruppen zuschreiben wollen.

Die Kritiker von Bert Hellinger und seiner KollegInnen verfolgen in diesem Zusammenhang eine wirklich merk-würdige Argumentation: sie diagnostizieren aus dem eben skizzierten Umgang mit unseren menschlichen Schattenseiten eine Faszination und eine Schicksalsgläubigkeit gegenüber dem Bösen bis hin zu einer Hitler-Verehrung oder "protofaschistischen Zügen" bei Bert Hellinger und anderen, was auch bei nur oberflächlicher Kenntnis derjenigen, die mit Aufstellungen arbeiten, wieder nur als absurd bezeichnet werden kann.

Mir fällt in diesem Zusammenhang der extrem unsachliche, eifernde und oft überaus entwertende bis gehässige Ton auf, den die Kritiker regelmäßig anschlagen und der mit der von ihnen beanspruchten Wissenschaftlichkeit gewiss wenig zu tun hat. Und ich finde es aus der Aussenperspektive mehr als bedauerlich, daß ein solches Argumentationsniveau den Anspruch einer aufklärenden universitären Veranstaltung erhebt.

Zwei Anmerkungen noch zum Stichwort Wissenschaftlichkeit.

Unwissenschaftlich scheint mir diese typische und inzwischen bis zur völligen Unergiebigkeit wiederholte Argumentationsschleife der Kritiker zu sein: Einzelne von Bert Hellinger's Vorgehensweisen werden ins Visier genommen und kritisiert, mit der Aufstellungsarbeit insgesamt und ihren Befunden, Einsichten und theoretischen Begründungen gleichgesetzt , um dann als Ganzes mit einem entwertenden Label wie "Sekte", "faschistoide Ideologie" o.ä. abgetan zu werden. Das Minimum an wissenschaftlicher Redlichkeit, nämlich die Differenzierung von durchaus kritisierbaren persönlichen Handlungsentscheidungen von Bert Hellinger einerseits von dem inzwischen weltweit bestätigten therapeutischen Wert der Aufstellungsarbeit andererseits, wird nicht geleistet.

Die ganze Wissenschaftsgeschichte ist voller Beispiele der natürlichen Tatsache, daß die Person des Begründers einer neuen Einsicht in ihrer Menschlichkeit nicht deckungsgleich mit seinem Werk ist. Wäre diese Deckungsgleichheit die notwendige Voraussetzung für Fortschritt, bliebe die wissenschaftliche Welt schlicht stehen.

Und zu Ihrer Information: Kritik und Meinungsverschiedenheiten werden nach der natürlicherweise begeisterten "Kindheit" der Aufstellungsarbeit innerhalb der Gruppe der mit Aufstellungen arbeitenden Therapeuten nun durchaus intensiv, gelegentlich heftig und somit ganz gesund ausgetragen - wie in jeder vergleichbaren Vereinigung.

Und die zweite Anmerkung zum Thema Wissenschaftlichkeit. Daß Forschung und wissenschaftliche Begründung notwendig sind für eine seriöse Fundierung der Aufstellungsarbeit, ist selbstverständlich. Es gibt dazu erste abgeschlossene und laufende Forschungsprojekte, z.B. von Gert Höppner "Heilt Demut, wo Schicksal wirkt? - Eine Studie zu den Effekten des Familien-Stellens von Bert Hellinger", eine sorgfältige quantitative Nachuntersuchung an Klienten. Eine eigene Untersuchung von mir zu der über 5 Jahre laufende Arbeit mit Drogenabhängigen in einer Reha-Einrichtung in Berlin steht kurz vor der Fertigstellung. Unter der Leitung von Prof. Fritz Simon ist in Arbeit die umfangreiche noch laufende Studie von Peter Schlötter an der Universität Witten-Herdecke zum zentralen Phänomen der stellvertretenden Wahrnehmung. Daneben gibt es ein ganze Reihe qualitativer Untersuchungen zu der Wirkung von Aufstellungen.

Wenn man bedenkt, daß Systemaufstellungen erst vor etwa 10 Jahren (mit dem Erscheinen von "Zweierlei Glück", dem ersten Buch über Bert Hellinger's psychotherapeutischen Ansatz) einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden,
kann natürlich noch kein umfangreiches wissenschaftliches Corpus an Forschungsergebnissen vorliegen. Auch hier weist die notorisch entwertend vorgetragene Kritik auf Sekundärmotive hin, die mit sachlicher Aufklärung wenig zu tun haben.

Ich hoffe, daß Sie, sehr geehrte Professoren Huber und Pieper die Veranstaltung am 4. November mit nüchterner Wissenschaftlichkeit beobachten und bewerten. Ich würde mich freuen, wenn mein Schreiben einen Beitrag dazu leisten konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Albrecht Mahr

Anmerkungen

DPG - Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft, DGPT - Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychososmatik und Tiefenpsychologie, DAGG - Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik.
 


 
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