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    Das Virtuelle Institut | Bert Hellinger | Zum 75. Geburtstag
 

Über die Wirksamkeit

von Jakob Schneider

Lieber Bert,

in deinen früheren Seminaren hast du öfters nach der Schlussrunde der Teilnehmer, in der diese dir ihre Anerkennung und Dankbarkeit gezeigt hatten, die Geschichte von der Hummel erzählt. Sie hat sich am Nektar der Blüte gelabt und war voll der süßen Nahrung weitergeflogen. Doch nach einiger Zeit kam ihr in den Sinn, dass sie der Blüte gar nicht richtig gedankt hatte. Und wieder nach einer gewissen Zeit war der Druck, diesen Dank abzustatten, so groß geworden, dass sie sich aufmachte, die Blüte zu suchen, um das Versäumte nachzuholen. Doch als sie die Stelle schließlich wieder erkannte, fand sie statt der Blüte die reife Frucht.

Du erfährst von einer großen Anzahl von Menschen eine tiefe Anerkennung. Du erhältst diese Anerkennung von all denen, die durch dich für sich oder ihre Angehörigen Hilfe erfahren haben, aber auch von vielen Personen, die dich in deiner Art, Menschen zu helfen, und in der Wirkung deines Vorgehens beobachten konnten. Immer wieder verweist du dann darauf, dass du in deiner Wirksamkeit dich nur in den Dienst einer größeren Bewegung genommen siehst. Und wenn man dich loben wollte, winkst du ab: Es ist, als täte dir ein Lob, das dich heraushebt, eher weh. Du hältst es da mit deinem Freund Laotse, der die Weisheit eines Menschen darin gewürdigt sieht, dass er selbst im Prozess der Wirkungen des "Weges" nicht mehr hervortritt.

So möchte ich dir die Glückwünsche und dankbare Anerkennung dessen, was du für so viele Menschen bedeutest, dadurch überbringen, dass ich etwas von dem beschreibe, was deine Wirksamkeit als Mensch und Therapeut ausmacht.

Wer dich länger kennt, der weiß, dass deine Wirksamkeit nicht allein von dem abhängt, was du über die Methode der Aufstellung an Ordnungen der Liebe und Bewegungen der Seele entdeckt hast. Du hast immer wirksam gearbeitet, schon vor den Methoden, deren du dich heute bedienst. Deine Wirkung entspringt einem grundlegenden Verzicht: dem Verzicht, dich einer Idee zu verschreiben und dann nach Mitteln zu suchen, wie das ideale Ziel erreicht werden kann. Du bist kein Humanist in dem Sinne, dass du für Freiheit oder Emanzipation oder Autonomie des Individuums oder Ähnliches kämpfst. Und du bist kein Aktionist, der sich mit seinem Willen hinter die Mittel klemmt, die, und sei es gegen die Wirklichkeit, ein angestrebtes Ziel zu erreichen versprechen.

Du bindest dich mit deinem kraftvollen Willen immer schon in die Bewegungen der Wirklichkeit ein. Du schaust auf die Kräfte, die in einer Person, in einer Familie, in einer Gruppe und darüber hinaus in einer gegebenen Situation wirken. Du schaust auf den Ursprung einer ins Problem oder in eine Krankheit führenden Spaltung in der Seele, verfolgst ihre Wirkungen und schließt dich mit deinem Willen jenen Kräften einer Situation an und verstärkst sie, die von sich aus nach einer Lösung zum Guten, einer Überwindung des Trennenden streben. So wirkt deine Arbeit oft so mühelos. Und wenn du kämpfst, dann nur dort, wo du weißt, dass du im Einklang mit den in der Seele wirkenden Kräften bist. Verfehlst du diesen Einklang, suchst du sofort wieder neuen Anschluss an die Kraft des Seelenstromes, auch wenn Du dann manchmal Dinge sagst und tust, die dem Vorherigen widersprechen. Wer sich dir anvertraut, vertraut sich dem lösenden Potentzial an, das in den Bewegungen der eigenen Seele beziehungsweise der Gruppenseele wirkt.

Diese Art des Mitgehens mit den Kräften der Wirklichkeit, dieses Schauen auf die "Gangbarkeit" - das ist deine Verbundenheit mit dem chinesischen "Tao" - ist nur möglich durch dein konsequentes Bleiben in deiner Wahrnehmung. Immer wieder betonst du in den Seminaren die Bedeutung dieses Schauens auf das, was sich zeigt, dieses Sehen ohne Absicht, ohne Vorstellung, ohne Wissen, ohne Furcht. Im Dialog ebenso wie in den Aufstellungen entgehen dir auch nicht die kleinsten Regungen und auch nicht, welche davon weiterführende Kraft haben und welche nicht. Im Unterschied zur Beobachtung braucht die Wahrnehmung keine Theorie. Wahrnehmen ist höchste Wachsamkeit und Gelassenheit gegenüber der Wirklichkeit, so wie sie sich in einer Situation und in der Verknüpfung von Vorgängen zeigt. Weil die Wirklichkeit immer in Bewegung ist, bleibt die Wahrnehmung immer offen.

Man spürt bei dir, dass dieses Bleiben in der Offenheit der Wahrnehmung ein
spiritueller Vollzug ist, eine stetige innere Reinigung von allem, was das Sehen verfestigen will. Und vielleicht reagierst du deswegen so vehement gegen alle Bestrebungen, die dich auf deine Einsichten festlegen wollen und entdeckte Gesetzmäßigkeiten der Seele wie einen sicheren Besitz vor die Wahrnehmung stellen. Das Schwerste ist, was als das Leichteste dünkt, mit den Augen zu sehen, was vor den Augen liegt: so etwa hat es Goethe einmal ausgedrückt.

Du wirkst, weil du weise bist. Während die Klugheit nach den gemäßen Mitteln für die Erreichung eines Zieles sucht, schaut die Weisheit auf die Gesetzmäßigkeiten, die Vorgänge des Lebens konsequent miteinander verknüpfen. Die Weisheit betrachtet aber diese Gesetzmäßigkeiten nicht isoliert, sondern immer in ihrer Wirkung in einer konkreten Lebenssituation. Es gibt diese Gesetzmäßigkeiten nicht außerhalb der Lebensvollzüge. Wer aber lebendige Prozesse ohne die ihnen innewohnenden Gesetzmäßigkeiten betrachten würde, wäre dem Zufall und der Willkür ausgeliefert. Was hat welche Wirkung? Da kann man sich auf deine Antwort verlassen. Und man spürt bei dir, dass der Rat, den du gibst, die Kräfte im eigenen Leben des Ratsuchenden aufgreift.

Du stülpst nichts über. Du lieferst niemanden magischen Prozessen aus. Du gehst in den Einklang mit den in der Rat suchenden Seele wirkenden Kräften und verstärkst mit deinem Wort die Führung durch das, was ohnehin zum Guten wirkt. Eigentlich trittst du ganz hinter deinem Rat zurück. Als Tiefenpsychologe spürst Du den Kräften nach, die in der Tiefe der Seele wirken. Spürst du die Verbundenheit mit den seelischen Kräften einer Person nicht, gibst du keinen Rat und enthältst dich therapeutischen Handelns. Auch da bist du konsequent und ersparst dir so Kraft und Mühe.

Du hast ein untrügliches Gespür dafür, ob zu Sehendes oder Gesprochenes Kraft hat oder nicht. Deine Wirksamkeit beruht auf dem Gehen mit der Kraft, nicht mit deiner Kraft, sondern der Kraft in einer Person oder einer Aufstellung. Obwohl dieses Mitgehen mit der Kraft in einem System auch korrespondierende eigene Kraft verlangt, strengt es nicht an. Wie könntest du sonst dieses Arbeitspensum und dieses Sich-Aussetzen einer großen Öffentlichkeit schaffen? Du fühlst dich getragen. Und so kann sich, wer Hilfe bei dir sucht, auch getragen fühlen. Dein Gefühl für die Vorgänge, die Kraft haben und Kraft geben, schafft ein großes Vertrauen. Und man kann ja die Wirkung immer an sich und dem eigenen Gefühl der Kräftigung oder Schwächung überprüfen.

Du hast aber nicht nur ein tiefes Gespür für die Kraft, du hast auch den Mut, dieser Kraft zu folgen. Da lässt du dich durch nichts ablenken. In dem Interview mit Norbert Linz sprichst du diesen Mut an. Vielleicht geht dein Mut über eine individuelle Tugend noch hinaus. Es ist, als würdest du die Situation in einer Therapie so gestalten, dass du gar nicht mehr anders kannst, als mutig zu sein. Die Situation selbst wird mutig und von einer Kraft getragen, die den persönlichen Mut fast unausweichlich erscheinen lässt.

Manchmal gebrauchst du im Zusammenhang mit dem Mut das Bild vom gespannten Bogen. Im gespannten Bogen liegt die Kraft, der Pfeil wird auf das Ziel gerichtet, und der Mut besteht darin, zum richtigen Zeitpunkt den Pfeil loszulassen.

Schließlich ist deine Wirksamkeit nicht zu verstehen ohne deine Liebe und deine Freundlichkeit. Manche mögen sagen, sie sähen deine Liebe nicht. Aber vielleicht verwechseln sie da Liebe mit liebevollem Gefühl oder Mitleid oder Fürsorglichkeit. Deine Liebe ist eine ganz stille, zurückhaltende Kraft, die den anderen voll gelten lässt, so wie er ist. Du nimmst den anderen als ebenbürtig, als einen, der nicht anders sein kann und sein muss, als er ist. Man fühlt sich von dir gesehen als ein Gegenüber. Du urteilst nicht. Dir sind alle gleich.

Man spürt in deiner Liebe deinen Einklang mit der Wirklichkeit, wie sie sich in jedem Einzelnen zeigt. Und du nimmst deinen eigenen Platz im Leben mit Freundlichkeit ein. Es tut gut, wenn man dir begegnet, das Strahlen in deinen Augen zu sehen, das einem entgegen- leuchtet und aufnimmt für das Anliegen, mit dem man kommt, oder für die Zeit, die man mit dir verbringt.

Diese Liebe und Freundlichkeit trägt über die Momente hinweg, wo etwas, was du sagst oder tust, schwer zu verstehen und anzunehmen ist. Das kann sein, weil man auf einem anderen Gesichtspunkt beharrt und man nicht zur gleichen Hinsicht auf die Wirklichkeit kommt, oder weil das, was du siehst und sagst, unangenehm ist, oder weil man sich mit dir auf etwas festlegen will, wo du dich nicht festlegen lässt. Da bleibt deine Freundlichkeit und deine Bereitschaft, die Segel gemeinsam vor den Wind zu stellen, sodass es gut weitergehen kann.

Für dieses gute Weitergehen wünsche ich dir im Namen aller, die an deiner Arbeit und an deinen Einsichten Anteil haben, Kraft und Segen.

So gut wir können, danken wir dir in den Früchten unserer Arbeit.


 
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