| Das Virtuelle Institut | Bert Hellinger | Zum 75. Geburtstag | |||
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Bert Hellinger zum 80. Geburtstag Bert Hellinger zum 75. Geburtstag Jakob Schneider Gabriele ten Hövel |
Herzlichen Glückwunsch, lieber Bert Hellinger von Gabriele ten HövelSchamanen, so heißt es, seien einfach nur Leute, die andere Welten sehen und uns dadurch in unsere eigene führen. Es rührt mich immer wieder neu, der Arbeit von Bert Hellinger zuzuschauen. Jeder Regisseur könnte sich neidisch fragen: "Wie haben Sie das gemacht, Herr Hellinger?" Selbst Video-Schauer werden zu Beteiligten der Menschheitsdramen, die da auf der Bühne des Lebens gestellt werden - ganz automatisch. Man schaut und schaut und schaut. "Noch eine Aufstellung!" Ich gucke auf die Uhr. "Noch eine", sagt ein Freund flehend - und noch eine und noch eine. Schon sind die Stunden verflogen, so versunken, so gebannt sind wir. Dass diese Aufstellungsarbeit verbindet und versöhnt, wusste ich
ja. Dass dies auch unabhängig von Raum und Zeit möglich ist,
auf Video, überrascht mich immer wieder neu. Ich schaue, ich wandere
dabei durch meine eigene Lebenslandschaft und entdecke sie in neuen Facetten.
Als Journalistin habe ich es immer vermieden, den therapeutischen Raum
öffentlich zu machen. Zum einen achte ich die Intimsphäre von
Menschen, zum andern war ich immer etwas peinlich berührt, wenn meine
Kollegen, etwa in Filmen, therapeutische Sessions wiederzugeben versuchten.
Es kommt nichts rüber, dachte ich, außer Peinlichkeit. Bei Bert Hellinger ist das ganz anders. Seine Arbeit vermittelt sich
auch über Medien. Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist.
Sicherlich weil sie echt ist. Niemand spielt. Weil sie wahr ist, keiner
inszeniert hier etwas. Weil sie tief ist, ohne alles oberflächliche
Getue, weil sie mit wenigen Worten auskommt, ohne Geplapper. Weil sie
schlicht ist. Aber das kann nicht alles sein. Warum bin ich so schnell
mittendrin, in meinem Wohnzimmer sitzend? Warum bewegt mich das Familienstellen
auch aus der Entfernung so unmittelbar? Es muss etwas mit der "Sammlung" zu tun haben, die Hellinger immer wieder fordert, bevor seine Klienten aufstellen. Was er damit meint, habe ich jetzt erst ein bisschen mehr verstanden. Ich hörte ihn sagen, das innere Bild, nach dem gestellt werde, sei nicht das, was einer vor Augen habe, es sei vielmehr das unbewusste Bild, was sich nur bei dem zeige, der "gesammelt" sei. Ich fühlte mich, als wenn ich eine Perle entdeckt hätte. Ja natürlich, so meine Erklärung jetzt, diese Arbeit bewegt selbst in der Ferne, weil das Unbewusste ohne Raum und Zeit auskommt. Deshalb ändert sich ja in der Familiendynamik manchmal auf merkwürdige Weise etwas, wenn einer eine Aufstellung gemacht hat! Na ja, die Journalistin! Sie muss halt immer eine Erklärung haben. Ob sie nun wirklich stimmt? Wer weiß? Ich spreche mit einer Freundin, der meine skeptischen Fragen an Bert Hellinger in unserem Buch "Anerkennen, was ist" gefallen haben: Die Frau folge dem Mann, die Frau soll den Namen des Mannes annehmen etc. Sie meint, die Frauen kämen nicht gut weg bei Bert Hellinger. Ich merke im Gespräch, dass ich selbst darauf gar nicht mehr schaue. Es interessiert mich nicht mehr so, und dazu ist dieser Mann immer gut für Überraschungen. Von wegen Prediger der Monogamie, Patriarch, Frauenfeind: Neulich sah ich eine Aufstellung, Hellinger suchte die Lösung. Da kam es plötzlich: "Hier ist die Bigamie die Lösung"
- ich meinte zu hören, dass er selbst etwas erstaunt darüber
war. Wo steht die Frau? Links vom Mann. Immer? Nein - es ergibt sich.
Wo gehen die Kinder hin? Zum Vater, zur Mutter, vielleicht gehören
sie auch wo ganz anders hin. Es ist ja alles so offen, jedes Mal neu.
Was er sagt, sind nur seine Erfahrungen - das ist gewöhnungsbedürftig
und manchmal witzig dazu. "Waren die Eltern in anderen Beziehungen?",
fragt er die Klientin während einer Aufstellung. "Nein",
sagt sie. Daraufhin Hellinger, mit Blick auf die aufgestellten Eltern:
"Manchmal möchte man sagen: schade." Was mich heute an Bert Hellinger besonders fasziniert, ist seine Arbeit mit Opfer- und Täterkindern. Das hat eine neue Dimension. Da entstehen diese merkwürdigen, ungewohnten, ja skandalösen Bilder, dass die Täter bei den Opfern auf dem Boden liegen. Ein anderes Mal bewegen sich die Stellvertreter für Nazi-Täter und jüdische Opfer mit einem Mal versöhnlich aufeinander zu und liegen sich zuletzt in den Armen. Plötzlich ist so viel Ruhe im Raum und Frieden. Alle sind bewegt, gerührt, ergriffen, still. Solche Szenen brechen eingefahrene Konventionen der Bewältigung, sie provozieren mit ziemlicher Sicherheit die übliche Denke der Erinnerungskultur. Ein Aufschrei mag durch die Riege der ewigen Ankläger gehen, wenn es etwa bei Hellinger heißt:
Auf meine Frage, wie nützlich das Gefühl der Scham im pädagogischen Umgang mit unserer Vergangenheit sein kann, sagte Bert Hellinger einmal: "Wenn ich anerkenne, dass neben den persönlichen auch andere Kräfte mit im Spiel sind, dann kann ich mich diesen Kräften (Gutes und Böses, d. V.) stellen und sie anerkennen Dann kann ich mich jetzt, wo diese Kräfte in eine andere Richtung drängen, diesen Kräften getrost anvertrauen Wenn ich mich aber schämen muss, werde ich auf mich selbst zurückgeworfen und dadurch innerlich geschwächt, bekomme vielleicht sogar einen Widerwillen gegen das, was von mir gefordert wird." Diese Arbeit reicht in einen öffentlichen Raum, auch wenn das nicht beabsichtigt sein mag. Sie öffnet einen psychischen Raum, in dem das Vergangene vorbei sein kann, ohne die Täter von ihrer Schuld freizusprechen. Das ist stille Friedensarbeit, die über Generationen und Nationen hinausreicht. In diesem Raum lehrt Hellinger auf die Opfer zu schauen, mit ihnen zu weinen. Hier kommen die Täter zur Ruhe, "wenn sie sich zu den Opfern legen". Das schafft Stille - das Reich der Toten braucht nicht agitiert zu werden. Diese Arbeit lehrt mich, dass Vergangenheitsbewältigung, die entwurzelt, die Bindungen meint zerstören zu müssen, auf einem tiefen Missverständnis beruht. Was das im Einzelnen bedeuten könnte, weiß ich selbst noch nicht genau. Das wäre eine neue Recherche wert. Nur so viel weiß ich sicher: Es ist ein Segen, dass gerade in unserem Land ein Bert Hellinger zu dieser Arbeit findet. Um diesen Geburtstagsgruß zu schreiben, habe ich mir viele Videos
von Bert Hellingers Arbeit angeschaut. Einmal war es gerade die Zeit des
"Wortes zum Sonntag", und einen Moment spielte ich mit dem Gedanken:
"Wenn ich jetzt im Ersten Deutschen Fernsehen wäre! Familienstellen
mit Hellinger in der ARD! Die Quotengötter haben sich fürs Familienstellen
entschieden, seitdem es selbst fesche Pfarrerinnen nicht mehr schaffen,
die Seelen der Zuschauer zu erreichen." Freunde haben mir erzählt, dass sie vor allem die Gruppendynamik live an diese billige Serie gefesselt hat. "Wer wird diesmal rausgeschmissen? Hat Vera was mit Slatko? Was passiert, wenn Verona kommt?" Das ist so weit entfernt von Bert Hellingers Arbeit! So weit! Oder doch nicht? Dann kam dieser ketzerische Gedanke! Es ist ja nur so eine Idee: Wie wäre es, wenn Bert Hellinger zum Familienstellen für ein paar Stunden ins Big-Brother-Haus käme? Er würde einfach reinkommen in seiner unprätentiösen, klaren Art, mit dem leichten schalkhaften Lächeln auf dem Gesicht - das Schminken wäre ihm zu albern: "Das brauch ich nicht", würde er vielleicht zur Maskenbildnerin sagen, "lassen Sie das mal." Im klassisch bewährten hellblauen Pullover mit grauer Hose und leicht federnden Schrittes käme er herein und würde erst einmal innehalten und nach einer stillen Pause einfach sagen: "Ich bin Bert Hellinger. Na, dann fangen wir mal an, mit der Arbeit." "Was hast du?", würde er Verona Feldbusch fragen. Die
würde vielleicht von Magersucht reden, Kerstin über ihre verlorene
Liebe zu Alex, Jürgen säße eher abwartend, zurückgelehnt
im Sessel, während Slatko, an Henninger denkend, vielleicht fragen
würde: "Ach, du bist der BierFuzzy?" Verona will arbeiten. Sagt Hellinger: "Dich nehme ich später.
Du hast noch nicht den nötigen Ernst. Jetzt nehme ich dich."
Er zeigt auf Sabrina. Bert Hellinger, sagt ein Freund voll bewundernden Staunens, sei eine Mischung aus Priester, Märchenonkel und Loriot. Für mich ist Hellinger zuerst ein großer Therapeut. Aber irgendwie hat mein Freund auch Recht. Der Priester hilft mir, meine weibliche Würde besser zu spüren. Er lehrt Andacht und heiligen Ernst und Furchtlosigkeit vor dem Schlimmen und Schweren im Leben. Er zeigt, was Sammlung sein kann in einer zerstreuten Zeit, dass Schuld zum Leben dazugehört und dem Gewicht gibt, der sie zu tragen bereit ist. Er ist ein Anwalt der Eigenbewegung der Seele und stärkt ein Gefühl, dass es doch so etwas wie ein Zuhause gibt. Wie ein Wünschelrutengänger spürt er den verborgenen Strom der Liebe auf. Der Märchenonkel strahlt diese einfache Wärme ab. Er lehrt mich, Worte mit Bedacht zu wählen. An der richtigen Stelle plaudert er aus dem Schatzkästlein seiner Erfahrung, dann wieder kommt er mit Geschichten, Gleichnissen, Fabeln oder einem Witz. So verbinden sich Ernst und Andacht, Besinnung und Humor, Demut und Spiel. Dafür hat er Gespür. Und dann noch dieser Sinn für den Rhythmus der Stille, der Pause. Nicht zu vergessen diese Wonne, diese Freude im Gesicht, wenn Lösung gelungen ist. Wie er strahlen kann, dieser Mann. Dann wirkt er alterslos, gelöst und weich, heiter, fast beschwingt, ganz zart, fast zärtlich. Was hat er aber mit Loriot gemein? Das strenge, hintersinnige Gesicht! Er könnte auch, wie jener, auf diesem legendären Sofa sitzen. Ernst und schelmisch. Da sitzt er schon und sagt: "Jetzt erzähl ich ´ne Geschichte." "Gut", sagt Evelyn Hamann. Als Loriot würde Hellinger allerdings nicht sagen: "Dazu braucht es den nötigen Ernst." Sondern eher: "Dann nimm erst mal die Nudel aus der Nase." Also: Bert Hellinger gehört ins Fernsehen. Zwei Sendeplätze haben wir schon. Wie würde ich es dem Redakteur schmackhaft machen? Ich würde ihn zu einem Hellinger-Video-Sonntag einladen und ihn dann allein im Zimmer sitzen lassen. (Dann braucht er sich seiner Tränen nicht zu schämen.) Dann würde ich fragen: "Und das wollen sie anderen vorenthalten?" Ich glaube, Hellinger wäre nicht länger ein Geheimtipp. Nein, nein, Hellinger im Fernsehen, das ist eine schräge Idee. Im Wechsel mit Werbung, Comedy und Daily Soap wird das Geheimnis klein gehäckselt und zerbrochen. Bert Hellinger schreibt irgendwo: "Wenn ich Heidegger lese, bekomme ich dieses andächtige Gefühl vor einem Geheimnis. Er führt mich dahin, ohne dass er es benennt." Nun ist er selbst ein Meister der Andacht geworden und ein Lehrer des stillen Staunens vor dem, was sich zeigt ... Herzlichen Glückwunsch, lieber Bert Hellinger. |
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