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Anmerkungen zur Familie Mann aus systemischer Sicht

von Bert Hellinger, im Dezember 2001

Unmittelbarer Anlass der nachfolgenden, ausdrücklich spekulativen Überlegungen Bert Hellingers war eine in Deutschland in der kulturellen Öffentlichkeit breit diskutierte, mehrteilige TV-Produktion zum Thema "Familie Mann".

Aus der Sicht von Thomas Mann wäre das systemdynamische relevante Ereignis weniger in der Familie seiner Mutter, als in der seines Vaters Thomas Heinrich Mann zu suchen.

Systemdynamisch relevant wird ein Vorgang, wenn

  • ein Nachgeborener den ihm Vorgeordneten ihren Platz und Rang streitig macht;
  • wenn er sich auf Kosten eines Unglücks, das sie getroffen hat, einen Vorteil verschafft;
  • oder wenn er Frühere, die für ihn zu seinem Vorteil Platz gemacht haben, ignoriert und ausklammert,
  • oder wenn er sich an ihre Stelle setzt, ohne dass er anerkennt, dass sie für ihn Platz gemacht haben.

In der Familie des Großvaters von Thomas Mann, Johann Siegmund der Jüngere, setzt sich die zweite Frau, Elisabeth Marty, an die Stelle der verstorbenen ersten Frau. Sie verdrängt deren zwei überlebende Söhne und setzt mit Hilfe ihres Mannes ihren erstgeborenen Sohn, Thomas Johann Heinrich, an deren Stelle, sodass er an Stelle seiner älteren Halbbrüder das ihnen zustehende Erbe erhält. Der übernimmt die Firma.

Die sich daraus ergebende "verrückte" Situation könnte man auf dem folgenden Diagramm etwa so darstellen (dabei handelt es sich natürlich nur um ein Bild, das in mir auftaucht, oder um eine Hypothese):

Bild 1 (Ist-Zustand)

Abkürzungen

Mn Mann, Johann Siegmund der Jüngere, der Großvater von Thomas Mann
+1F Verstorbene erste Frau, Emilie Wunderlich; Mutter von 1-5
+1 Erstes Kind, Ida, verstorben
2 Zweites Kind, Johann Siegmund der Dritte
+3
Drittes Kind, Annette Maria Friederike, verstorben
4
Viertes Kind, Paul Wilhelm Günther
+5 Fünftes Kind, Jeanette, verstorben
2F Zweite Frau, Elisabeth Marty, Mutter von 6-10
6 Sechstes Kind, Maria Elisabeth
7 Siebtes Kind, Thomas Johann Heinrich, Vater von Thomas Mann
8 Achtes Kind, Johannes
9 Neuntes Kind, Olga Maria
10 Zehntes Kind, Friedrich Wilhelm

 

Die Folgen für die Beteiligten wären

  1. die zweite Frau traut sich nicht, ihren Mann wirklich zu nehmen;
  2. ihre älteste Tochter, Maria Elisabeth, identifiziert sich mit der verstorbenen ersten Frau ihres Vaters;
  3. Ihr jüngster Sohn, Friedrich Wilhelm, bleibt am Rande und fühlt sich haltlos;
  4. Ihr erster Sohn, hat einen besonderen Vorteil aus dem Unglück der ersten Frau und aus dem Ausschluss seiner Halbbrüder, da er an ihrer Stelle die Firma erbt. Daher trägt er auch die eigentlichen Folgen dieser Schuld. Da er sich aber aus dieser Verstrickung nicht lösen kann, wirkt sie in seinen Nachkommen unheilvoll fort.

Systemdynamisch reagiert der Nachgeordnete, der sich auf solche Weise an den Platz von Vorgeordneten drängt, mit dem Bedürfnis nach Scheitern und nach Untergang. Das macht es verständlich, dass Thomas Johann Heinrich so schwer an seinem Erbe trägt und dass er die Firma vor seinem Tod auflösen und verkaufen will.

Da aber mit dem Verkauf der Firma das Unrecht nicht aus der Welt geschafft wurde, da der Vorteil des Erbes auf Kosten seiner Halbbrüder erhalten bleibt, wirken die Folgen in der nächsten Generation weiter.

Bevor ich darauf eingehe, zeige ich, was im Gegenwartssystem des Großvaters von Thomas Mann die Lösung gewesen wäre. Das Bild der gemäßen Ordnung ist dargestellt auf Bild 2. Sie hätte allen Beteiligten ihren Platz und den Nachfahren die Lösung aus der Verstrickung gebracht.

Bild 2 (Lösungsbild)

Nun zum Ursprungssystem von Thomas Mann. Das Bild, das mir zum Ist-Zustand dieser Familie gekommen ist, wird auf Bild 3 dargestellt:

Bild 3 (Ist-Zustand)

Abkürzungen

V Vater, Thomas Johann Heinrich
M Mutter, Julia
MM Mutter der Mutter, Maria Luzia da Silva
FFrM Früherer Freund der Mutter
1
Erstes Kind, Heinrich
2
Zweites Kind, Thomas
3 Drittes Kind, Julia
4 Viertes Kind, Carla
+1FVV Verstorbene erste Frau des Vaters des Vaters, Emilie Wunderlich
ÄHBV Älterer Halbbruder des Vaters, Johann Siegmund der Dritte
JHBV Jüngerer Halbbruder des Vaters, Paul Wilhelm Günther

Die Mutter von Thomas Mann, Julia, hat ihre Mutter früh verloren. Da diese aber stets verehrt und gegenwärtig war, ist es zwar ein schweres persönliches Schicksal, bürdet aber den Nachkommen nicht die Folgen einer Schuld auf. Wie sehr das Andenken an Julias Mutter lebendig blieb, zeigt die schöne Geste ihres Vaters, ihr zur Hochzeit ein Gemälde mit dem Bild der Mutter zu schenken.

Anders ist es mit der Altlast aus der Familie des Vaters. Auf der einen Seite sind die beiden Söhne Heinrich und Thomas mit ihren Onkeln Johann Siegmund der Dritte und Paul Wilhelm Günther identifiziert. Daher weigern sie sich auch beide, gleichsam aus unbewusster Loyalität mit ihren Onkeln, Kaufleute zu werden und in die Firma einzusteigen. Auf der anderen Seite wiederholt sich der Konflikt des Vaters mit seinen älteren Halbbrüdern im Verhältnis zwischen Thomas und seinem älteren Bruder Heinrich. Für Heinrich kommt erschwerend hinzu, dass er für die Mutter noch den ersten Liebhaber repräsentiert und daher nicht nur sein Verhältnis zum Vater belastet und gestört sein muss, sondern auch sein Verhältnis zu seinem Bruder Thomas.

Denn der Konflikt zwischen dem Vater und dem ersten Liebhaber, dessen Stelle er einnimmt, wird ebenfalls von den Brüdern wiederholt: Thomas repräsentiert hier den Vater. Dadurch ist aber auch das Verhältnis von Thomas zu seinem Vater gestört, da er ja einerseits dessen älteren Halbbruder vertritt und andererseits indem er an Stelle des Vaters gegenüber seinem Bruder Heinrich den Konflikt des Vaters mit dem ersten Liebhaber seiner Frau darstellt. Dadurch maßt er sich als Nachgeordneter etwas an, was ihm nicht zusteht.

Beiden Brüdern ist das Mann-Sein im vollen Sinne verwehrt, da beiden die unbefangene Hinwendung zum Vater und das volle Nehmen des Vaters durch diese Dynamik erschwert ist. Das "wüste" Treiben Heinrichs hat hier vielleicht seine eigentliche Wurzel. Ähnliches gilt für die homoerotischen Neigungen von Thomas.

Julia und Carla sind wahrscheinlich mit der ersten Frau ihres Großvaters väterlicherseits identifiziert, vielleicht auch noch mit der Mutter ihrer Mutter. Julias Selbstmord wird vielleicht von daher eher verständlich als durch eine persönliche Dynamik.

Die Geschwisterliebe von Heinrich zu Carla spiegelt vielleicht in erster Linie die Sehnsucht der älteren Halbbrüder des Vaters zu ihrer Mutter wider. In zweiter Linie ist sie vielleicht die Verschiebung seiner Liebe zur Mutter auf die Schwester.

Die gemäße Ordnung dieses Systems, die allen Beteiligten die Freiheit gebracht hätte, ist im folgenden Bild dargestellt.

Bild 4 (Lösungsbild)

Abkürzungen

VM Vater der Mutter

Im Gegenwartssystem von Thomas Mann ist bedeutsam, dass seine Frau, Katja, einen Zwillingsbruder mit Namen Klaus hatte. Zwillingsgeschwister suchen in der Ehe oft einen Ersatz für das Zwillingsgeschwister, entweder in einer außerehelichen Partnerschaft oder in einem Kind. Der Sohn Klaus hat vielleicht diese Rolle einnehmen müssen. Dadurch geriet er in einen unbewussten Konflikt mit seinem Vater.

Das erschwerte für ihn die Hinwendung zum Vater und ist vielleicht eine der Wurzeln für seine Homosexualität. Er blieb im Bannkreis der Mutter. Hinzu kommt, dass seine Mutter sich gegenüber ihrem Zwillingsbruder als Junge fühlte und ihn als Mädchen betrachtete. Ihre Verwirrung bezüglich der geschlechtlichen Identität von ihr und ihrem Bruder hat vielleicht auf ihren Sohn Klaus zurückgewirkt und die Homosexualität verstärkt.

Ein Homosexueller muss sich ja oft als Frau fühlen oder benehmen, weil ihm das männliche Begehren versagt oder verboten ist. Deswegen liebt der Homosexuelle einen Mann, so wie eine Frau einen Mann liebt. Dass sich sowohl Klaus als auch Thomas und Heinrich literarisch zu einer Frau machen, wäre typisch für eine allen Dreien gemeinsame homoerotische Verstrickung. Die allen Dreien gemeinsame "Schamlosigkeit" im Darstellen der Familiengeheimnisse in ihrer Literatur steht vielleicht auch in einem gewissen psychologischen Zusammenhang mit der Homoerotik.

Auffällig ist auch, dass Erika und Klaus Mann auftraten als die "Mann Zwillinge". Zwillinge waren ja Katja und ihr Bruder Klaus, dann, in der Familiendynamik verschoben, Katja und ihr Sohn Klaus, und dann, nochmals verschoben, Erika und Klaus. Auch hier sieht man die Verschiebung - wie wohl auch bei Heinrich - von der Mutter zur Schwester.

Eine weitere Dynamik für das Schicksal von Klaus Mann könnte sein, dass er, als seine Mutter an TBC erkrankte, sich heimlich entschloss: "Lieber verschwinde ich als du, liebe Mama."

Auffallend ist, um noch einmal auf Thomas Mann zurückzukommen, wie ungeschoren er davon kommt, obwohl er der eigentliche Erbe des Vorteils der Bevorzugung seines Vater wie auch von dessen Folgen und von dessen Fluch ist. Offenbar haben andere es für ihn übernommen: zuerst seine Schwestern Carla und Julia, und dann sein Sohn Klaus..

Ich füge noch das Bild bei, dass ich mir von der Gegenwartsfamilie von Thomas Mann gemacht habe, und dann auch das Bild, das die Ordnung zeigt, welche die Lösung aus den Verstrickungen ermöglicht hätte.

Bild 5 (Ist-Zustand)

Abkürzungen

Mn Mann, Thomas Johann Heinrich
F Frau, Katja
1 Erstes Kind, Erika
2 Zweites Kind, Klaus
3
Drittes Kind, Golo
4 Viertes Kind, Monika
5 Fünftes Kind, Elisabeth
6 Sechstes Kind, Michael

Bild 6 (Lösungsbild)

Abkürzungen

ZBF Zwillingsbruder der Frau

Fazit

Die vorangegangene Darstellung ist selbstverständlich subjektiv und unvollständig. Sie will nur Anregungen geben, das Schicksal der Familie Mann auch im Lichte ihrer systemischen Verstrickungen zu sehen und von daher vieles, was uns befremdlich erscheint, in milderem Licht zu betrachten.

Die konkreten Angaben über die Stammbäume und Schicksale verdanke ich dem Buch von Marianne Krüll: Im Netz der Zauberer - Eine andere Geschichte der Familie Mann.


 
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