Das Virtuelle InstitutAufstellerMitgliederbereichÖffentliches Forum
 
    Das Virtuelle Institut | Bert Hellinger | Beiträge zur Homepage
 

Helfen und Liebe - Über Konflikt und Versöhnung
von Bert Hellinger

(Auszug aus einem Vortrag, den Bert Hellinger am 13. Februar 2004 in Karlsruhe unter dem Titel "Helfen und Liebe" gehalten hat.)

Das Schicksal
Die Zustimmung
Die Bindung
Die Folgen des Gewissens
Die andere Ebene
Versöhnung in Deutschland
Die Menschenliebe

 

Das Schicksal

Das große Helfen braucht Wachstum, über das ursprüngliche Helfen-Wollen des Kindes hinaus. Denn die Kinder und viele Helfer meinen wirklich, dass die Welt ihre Hilfe braucht, dass sie die Schicksale anderer Menschen in der Hand haben und berufen sind, die Welt zu verändern.

Doch wer regiert denn die Welt? Sind es die Psychotherapeuten? Oder die Sozialarbeiter? Oder die Politiker?

Hinter allem, was wir sehen und erfahren, wirkt eine mächtige Bewegung, eine schöpferische Bewegung, von der alles abhängt. Niemand kann sich dieser Bewegung entziehen. Alles, was geschieht, ist von dieser Bewegung erfasst und gesteuert. Das ist aber eine philosophische Betrachtung, jenseits unserer Wünsche und Phantasien. Sie braucht mehr als Mitgefühl. Sie braucht Einsicht.

Da kommt zum Beispiel jemand zu einem Helfer und sagt: "Ich bin als Kind weggegeben worden, ich hatte eine scheußliche Jugend und jetzt ist mir alles verbaut." Oft hat der Helfer Mitleid mit ihm. Was geht dann in der Seele des Helfers, der Mitleid hat, vor? Er klagt Gott an, oder die schöpferische Macht, die hinter allem wirkt. Er sagt ihr: "Du hast etwas falsch gemacht. Wie kannst du das zulassen!" Damit überhebt er sich in seinen Gedanken über die mächtige Urkraft, von der alles abhängt, und versucht es besser zu machen als sie.

Dahinter wirkt auch die Vorstellung, dass jemand ein schlimmes Schicksal haben kann. Niemand kann ein schlimmes Schicksal haben. Jeder hat sein besonderes Schicksal, und das ist für ihn richtig.

Für jene, die das vielleicht anstößig finden, hier ein Vergleich. Wir stellen uns ein Kind vor, das gute Eltern hat, die alles für es tun. Daneben stellen wir uns ein Kind vor, das schlimme Eltern hatte, die vielleicht brutal waren oder die es weggegeben haben. Doch dieses Kind sagt: "Das ist mein Schicksal, ich stimme ihm zu und mache etwas daraus." Wenn ihr dieses Kind vergleicht mit einem Kind, das wohlbehütet war: Welches hat größere Kraft? Welches ist mehr gewachsen?

Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen und auf das, was an Schwerem für uns passiert ist, und wenn wir ihm zustimmen und sagen: "Jetzt mache ich etwas daraus, das war etwas, an dem ich gewachsen bin", dann wird alles für uns kostbar.

Wenn daher einer zu mir kommt und sich über seine Eltern beschwert, denke ich mir manchmal: "Was für eine Chance hat der gehabt! Schade, dass er sie nicht genutzt hat." Dann helfe ich ihm, diese Chance zu nutzen. Auf einmal sieht auch er sein Schicksal in einem anderen Licht.

Die Zustimmung

Wir können jetzt für uns eine kleine Übung machen, zur Erholung zwischendrin. Macht die Augen zu und geht zurück in eure Kindheit. Da war einiges, das ihr vielleicht bedauert, vor allem wenn ihr anderen gegenüber schuldig wurdet und jemand durch euch einen Schaden erlitten hat. Ihr schaut es an und stimmt der Schuld zu mit ihren Folgen. Dann schaut ihr den an, dem ihr vielleicht geschadet habt, und ihr übergebt ihn seinem Schicksal, das stärker ist als unsere Schuld. Wenn auch er ihm zustimmt als seinem Schicksal, kann er daran wachsen.

Wenn einer uns etwas angetan hat zu unserem Schaden, machen wir das Gleiche. Wir stimmen ihm zu. Dann werden wir innerlich gereinigt, können uns lösen, werden gelassen, werden weit und sind auf der Leiter des Glücks eine Sprosse höher gekommen.

Ich will das noch in eine andere Richtung lenken. Wenn ihr eure Mutter anschaut und euren Vater und das, was euch vielleicht beschwerlich war, und was ihr abgelehnt habt, und wenn ihr jetzt dem Vater und der Mutter sagt: "So wie ihr seid, seid ihr meine Eltern, genau so. Gerade deswegen bin ich so geworden, wie ich bin und habe die Kraft, die ich habe. Ich mache etwas daraus. Von mir aus seid ihr jetzt frei." Das ist Liebe. Aber es ist keine emotionale Liebe, es ist Liebe aus Einsicht, und die hat eine ganz andere Kraft.

In dem Zusammenhang, zur Einübung in diese Grundhaltung, in diese Grundhaltung besonderer Liebe, gebe ich noch etwas zum Überlegen.

Wenn wir auf unsere Eltern schauen und von ihnen das Leben nehmen, wie es für uns durch sie kommt, dann können wir es nur nehmen mit dem anderen, was mit diesen Eltern auch zu uns kommt. Zum Beispiel gehören wir durch sie zu einer bestimmten Rasse, einer bestimmten Kultur, einen bestimmten Religion, einer bestimmten Sprache. Wir können daher das Leben nur haben innerhalb dieses besonderen Rahmens.

Nun denken einige: "Dieser Rahmen, meine Familie, ist das Modell für die ganze Welt. Die ganze Welt müsste genau so werden wie meine Familie oder wie mein Volk oder wie meine Rasse oder wie meine Kultur oder wie meine Religion." Aber dieser Rahmen ist für uns sowohl eine Chance als auch eine Grenze, denn jedes Leben ist begrenzt. Wenn wir diesen Chancen und diesen Grenzen zustimmen, wie sie sind, mit allen Folgen, ist dies die tiefste Hingabe, die es gibt.

Daneben steht ein anderes Kind. Es schaut auf seine Eltern, nimmt das Leben von ihnen, aber mit einer anderen Rasse, einer anderen Kultur, einer anderen Religion, und stimmt ihm zu mit dieser tiefen Hingabe, diesem religiösen Vollzug. Die Grundbewegung ist hier die gleiche, obwohl die Inhalte verschieden sind.

Die Bindung

Nun ist es aber so, dass wir zu unserer Gruppe, zu unserer Familie, eine tiefe Bindung erleben. Wir wollen und müssen unbedingt zu dieser Familie gehören und zu diesem Volk, zu dieser Rasse, zu dieser Sprache. Wir können dem nicht entgehen. Wir wollen es auch nicht, weil eine innere Instanz uns an diese Gruppe bindet. Was immer wir tun, was diese Bindung fördert, und sei es etwas Böses, fühlen wir uns unschuldig. Und alles, was diese Bindung gefährdet, und sei es etwas Gutes, erleben wir als Schuld. Diese Kraft ist das Gewissen.

Es steuert uns durch die Gefühle der Schuld und Unschuld immer mit dem Ziel, dass wir dazugehören, dass unser Tun die Bindung vertieft. Deswegen sind Menschen aus einer anderen Kultur von uns verschieden in dem, was für sie gut ist oder böse ist. Sie haben ein anderes Gewissen, das sie an ihre Kultur bindet und an ihre Gruppe.

Deswegen entstehen aus der Treue zum jeweiligen Gewissen die Konflikte zwischen den Gruppen. So wie uns das Gewissen an unsere Gruppe bindet, trennt es uns von den anderen Gruppen. Deswegen ist das Gewissen der Vater des Krieges und aller Konflikte.
Dazu ein ganz einfaches Beispiel. Ein Mann hat eine Frau geheiratet. Sie kommen aus zwei verschiedenen Familien mit jeweils anderen Werten. Sie hat ein anderes Gewissen wie er. Nun will sie versuchen, dass sie sich so verhalten, wie es in ihrer Familie entspricht. Wenn der Mann nachgibt, hat er ein schlechtes Gewissen. Umgekehrt natürlich auch. Wenn die Frau nachgibt, hat sie ein schlechtes Gewissen.

Dann haben sie Kinder, und der Mann will sie erziehen nach seinem Gewissen und die Frau nach ihrem Gewissen. Das Kind wird dadurch verwirrt. Daher verhält es sich bei der Mutter anders als beim Vater. Wenn es bei der Mutter ein gutes Gewissen hat, hat es ein schlechtes Gewissen beim Vater und umgekehrt. Deswegen verheimlichen die Kinder oft ihre Treue zum anderen Partner.

Durch das Gewissen bleiben wir jedoch Kinder. Jeder Fortschritt und jedes Wachstum sind nur möglich, wenn wir über die Grenzen dieses Gewissens hinauswachsen. Was heißt das? Wir können dann auch das Fremde, das wir gemäß unserem Gewissen abgelehnt haben, in uns aufnehmen und ihm in uns einen Platz geben. Dadurch werden wir reicher und wir werden besser. Wir werden friedlicher und dienen dem Wohl des Ganzen viel mehr als zuvor.

Auf das Helfen bezogen, wäre dies das große Helfen. Wir helfen jemandem, über die Grenzen dieses Gewissens hinauszuwachsen hin zum größeren Guten.

Die Folgen des Gewissens

Wir könnten das zu Ende spinnen. Aber ich will erst noch einmal auf die Folgen dieses Gewissens eingehen. Wenn wir die Religionen anschauen, zum Beispiel das Christentum, und wenn wir die frommen Menschen anschauen, wenn sie Gott verehren: Wie alt sind sie in ihrer Seele? Sie sind lauter Kinder. Was ist das für ein Gott, zu dem sie beten? Er ist der Vater oder die Mutter - nur etwas erweitert.

Dann stellen wir uns die Gebote vor, die dieser Gott gibt und die wir befolgen müssen. Was für Gebote sind dies? Natürlich gebieten sie das, was in unserer Familie gegolten hat. Gott übernimmt unseren Verhaltenskodex und schreibt ihn der ganzen Welt vor. Wer dagegen verstößt, der kommt in die Hölle. Wer sich diesen Geboten unterwirft, der kommt in den Himmel.

Da haben wir wieder die Trennung von den Guten und den Bösen. Die im Himmel, das sind natürlich die von uns, und in der Hölle, das sind die anderen. Was für eine Gottesbild! Das alles unter dem Einfluss des Gewissens.

Im Dienste dieses Gottes gibt es die Moralisten, die uns sagen, was gut und was schlecht ist. Sie nehmen sich das Recht heraus, die so genannten Bösen zu verdammen, ihnen Böses zu wünschen, am liebsten, dass sie zur Hölle fahren und nie herauskommen. Sie werden dadurch in ihrer Seele Mörder.

Die andere Ebene

Wir können uns aus dem Bannkreis dieser Moral nicht lösen, es sei denn, wir erreichen jene höhere Ebene, von der aus wir das Ganze sehen und auf die Macht blicken, die hinter allem wirkt und vor der es keine Unterschiede geben kann zwischen Guten und Bösen, weil sie alle gleichermaßen von dieser Macht gesteuert sind.

Ich will an einem kurzen Beispiel zeigen, wie verrückt die Vorstellungen hinter dieser Religion und Moral sind. In der Religion wird gesagt: "Du musst dich für Gott entscheiden. Je nachdem, wie du dich entscheidest, wird Gott sich dir gegenüber verhalten. Dann bist also du frei, und Gott ist unfrei. Er muss sich so verhalten, wie du es willst, wie du dich entscheidest. Ist das nicht verrückt?

Also auf dieser höheren Ebene hören die Unterscheidungen zwischen Gut und Böse auf, weil alle großen Bewegungen nur denkbar sind unter dem Einfluss dieser anderen Kraft.

Ein Freund von mir, Albrecht Mahr, war vor kurzem in Ruanda. Er hatte in Würzburg einen großen Kongress organisiert, bei dem auch eine Frau aus Ruanda dabei war, deren Mann und Kinder bei dem Genozid dort umgekommen sind. Er wollte sehen, wie die Menschen dort mit dieser Vergangenheit umgehen. Es gab dort Versammlungen, bei denen die Täter bekennen sollten, was sie gemacht haben. Sie sollten sich für schuldig erklären. Doch sie wollten das nicht. Sie haben gesagt: "Wir waren nicht frei. Eine große Bewegung hat uns alle erfasst hat. Wenn Anklagen erhoben werden, dann vor allem gegen das, was diese Bewegung ausgelöst hat. Am Ende hieß das: Wenn schon Anklagen, dann zuerst gegen Gott.

Wenn wir das bedenken, wird unsere Einstellung zum Helfen und zur Liebe und zum Tod und zu Verbrechern und Opfern anders.

Versöhnung in Deutschland

Wenn wir das mal anwenden auf Deutschland, auf unsere Geschichte, was würde das von uns verlangen? Aber ich verschiebe das noch ein bisschen, dann ist es nicht so schmerzhaft.

Ein Rabbiner hat in einer Gruppe gesagt: "Es wird keinen Frieden geben für die Juden, bevor nicht auch der Letzte von ihnen für Hitler das Totengebet gesprochen hat." Danach ist die Gruppe betroffen auseinander gegangen. Am nächsten Morgen kam einer in die Gruppe herein, völlig verändert. Seine Familie war im Holocaust umgekommen. Offensichtlich war es ihm in der Nacht gelungen, dieses Totengebet zu sprechen.

Jetzt schaut euch mal die an, die gegen die NS-Verbrecher Stellung beziehen und sagen: "Nie mehr! Das darf nie mehr passieren." Wie viel Kraft haben sie? Sie gehen auf die Straße manchmal und werfen Steine und werden genau wie die, die sie verdammen.

Marcel Reich-Ranicki hat in seinem Buch "Mein Leben" beschrieben, wie er 1968 mit anderen Schriftstellern bei einer Sitzung des PEN-Clubs zusammen saß. Plötzlich erschienen einige Achtundsechziger und machten Rabatz. Er sagt in seinem Buch, es war genau so, als ob sie von der Hitlerjugend gewesen wären, ganz genau, kein Unterschied.

Jetzt noch etwas, das dies eher verständlich macht. Wen immer wir verdammen, dessen Energie nehmen wir auf. Jeder Entrüstete, der sich über Hitler entrüstet und über die SS, hat Täterenergie. Er hat eine mörderische Energie. Und er fühlt sich besser, genau wie die. Sie haben sich auch besser gefühlt. Alle, die sich besser fühlen, folgen ihrem Gewissen. Nur sind die Inhalte bei den einen und den anderen verschieden. Aber die Energie ist die gleiche.

Wie kommen wir zum Frieden, in Deutschland zum Beispiel? Indem wir sie alle, auch die Täter, aufnehmen als Brüder, alle vor etwas Größerem gleich.

Die Menschenliebe

Ich habe mal in Israel einen Kurs gehabt. Am Tag vorher bin ich mit Freunden an den See Genezareth gefahren. Wir sind herumgewandert und kamen an die Stelle, an der Jesus die Bergpredigt gehalten hat, und an eine andere Stelle, wo er nach einer Tradition nach der Auferstehung seinen Jüngern erschienen ist. Sie haben Fische gefangen und er hat für sie Fischlein gebraten. Dieser Ort hatte eine unglaubliche Ruhe. Wir haben das alle gespürt, auch die israelischen Freunde, die mit dabei waren, spürten diese wunderbare Ruhe.
Jesus hat dort zu Petrus gesagt: "Liebst du mich? Er hat es dreimal gesagt. Da wurde Petrus traurig und sagte: "Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe."

Was heißt eigentlich Liebe in diesem Sinn? Bei der Bergpredigt hat Jesus erklärt, was Liebe ist. "Liebe ist, wenn ihr werdet wie mein Vater im Himmel. Er lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse und regnen über Gerechte und Ungerechte." Das ist Liebe, die große Liebe.

Als wir dann zurückgefahren sind, ist mir das durch den Kopf gegangen, auch im Zusammenhang mit dem Gebot der Feindesliebe. Als Gebot ist es ja ganz schrecklich, zum Beispiel dieses "die andere Backe hinhalten". Das macht den anderen böse, er wird ja nicht geachtet. Die wirkliche Feindesliebe und Menschenliebe ist etwas völlig anderes. Man lässt die Sonne scheinen und lässt regnen, gleichermaßen.

Was heißt das dann im Inneren in der Seele? Ich anerkenne, dass alle Menschen, die Guten und die so genannten Bösen, mir vor etwas Größerem gleichen. Das ist jenseits des Gewissens. Demut ist das Gleiche: Ich anerkenne, dass alle anderen mir vor etwas Größerem gleichen. Und was heißt Vergeben und Vergessen? Ich anerkenne, dass alle anderen mir vor etwas Größerem gleichen.



 
© 2003 Bert Hellinger International Impressum | Sitemap | Kontakt