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Thomas Schäfer über Bert Hellinger

Dieser Text ist das Vorwort des Buches: "Was die Seele krank macht und was sie heilt. Die psychotherapeutische Arbeit Bert Hellingers" (Droemer-Knaur-Verlag, 1998)

Schuld und Unschuld, Gewissen, Ordnung, Bindung, Demut und das Ehren der Eltern - so lauten einige zentrale Begriffe der Systemischen Psychotherapie Bert Hellingers. In der gegenwärtigen Psychotherapie hört man diese Ausdrücke eher selten, und manchem erscheinen sie gar anrüchig und verstaubt. So verwundert es nicht, daß sich an Bert Hellinger die Geister scheiden.

Für die einen ist er derjenige, der bestimmten Werten zu einer Renaissance verhilft. Wir leben in einer Zeit, in der sich alles schnell relativiert. Nichts scheint lange Bestand zu haben, obwohl wir uns doch sehr nach Sicherheit und Verläßlichkeit sehnen. Und nun kommt jemand, der endlich Orientierung gibt und in all den persönlichen Tragödien und Schicksalen Ursachen und Sinn erkennt. Zusammenhänge zu verstehen, die wir jenseits des Begreifens wähnten: Das muß eine tiefe Sehnsucht wecken, mit dem eigenen Schicksal in Einklang zu kommen.

Für die anderen ist Hellinger ein konservativer, patriarchalischer Heilsverkünder, dessen "Lehre" in den orientierungslosen Köpfen vieler leichtes Spiel hat. In diesen Zusammenhang paßt natürlich der Umstand, daß Hellinger lange Zeit in Afrika Missionar gewesen ist. Nachdem er den Orden verlassen hatte, entdeckte er die Psychotherapie als neues Aufgabenfeld. Um "biblische Psychotherapie" handele es sich, lesen wir in der Überschrift des Editorials der Zeitschrift "Psychologie heute" (6/95). Dort ist auch die Rede von einem "Guru", der "weiße Magie" betreibt, wenn er in großen Gruppen einen Klienten seine Familie aufstellen läßt.

Viele Therapeuten, die nach Hellingers Methode Familien stellen und seine Einsichten in ihrer täglichen Arbeit berücksichtigen, und viele, die heute mit Sympathie über ihn reden und schreiben, bekennen, daß sie bei der ersten Begegnung mit diesen ungewohnten Einsichten schockiert waren. Mir selbst erging es anders. Ich war tief ergriffen von dem, was ich las ("Zweierlei Glück") und was ich kurz darauf in Hellingers Seminaren erlebte. Nachdem ich meine Familie aufgestellt hatte, wurde mir nicht nur meine persönliche Geschichte klarer, ich sah auch die Probleme meiner Klienten in einem neuen, ungewohnten Licht. Betroffen und verunsichert ließ mich damals nur eine Sache zurück: Hellingers Umgang mit dem Thema Inzest. Doch mittlerweile habe ich meine Meinung revidiert. Hellingers Sichtweise dieses äußerst heiklen Themas widerspricht zwar dem Zeitgeist, doch kann sie meiner Erfahrung nach den Opfern tatsächlich Heilung bringen.


 
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