Das Virtuelle InstitutAufstellerMitgliederbereichÖffentliches Forum
 
    Das Virtuelle Institut | Bert Hellinger | Stimmen über Bert Hellinger
 

Gabriele ten Hövel über Bert Hellinger

Dieser Text ist das Vorwort des als Einführung in das Denken Bert Hellingers sehr empfehlenswerten Buches: "Anerkennen, was ist. Gespräche über Verstrickung und Lösung" (Kösel-Verlag, 1996)

Bert Hellinger hat meinen Kopf verwirrt und meine Seele erreicht. Er hat mich verunsichert, empört und neugierig gemacht. Vieles an seinen Gedanken kam mir auf den ersten Blick so furchtbar bekannt vor: "Mutterschaft ist was Großes" - o Gott! "Den Vater und die Mutter ehren" - wie katholisch! "Die Eltern nicht bekämpfen, sondern so nehmen, wie sie sind" - aber sie haben mir doch ganz schön was angetan! "Die Frau soll dem Mann folgen!" Und so einen findest Du gut?

Ja. Seine therapeutische Arbeit hat mich ungemein fasziniert. Drei Tage lang habe ich ihm zugeschaut, wie er vor einer Gruppe von 400 Menschen mit Kranken gearbeitet hat. Das war zunächst wie Theater. Spannend, anrührend und so richtig aus dem Leben gegriffen. Aber aus den anfangs unbeteiligten Zuschauern werden unmerklich Mitwirkende in einem Drama, das eigene Familie heißt. Plötzlich klopft ganz unvermittelt die eigene Geschichte an, Ereignisse, die bisher eher nebensächlich erschienen, werden bedeutend: "Ach ja, da gibt es doch noch diese Halbschwester!" Mit einem Mal fließen Tränen, weil sich da eine vor ihrer Mutter verneigt - verdammt! Was ist das denn! Und abends kriecht die Erschöpfung hoch - Gott weiß warum, "ich habe doch nur zugeschaut!"

Was bewirkt, daß die frommen Worte in der therapeutischen Arbeit auf einmal sinnvoll werden? Demut gegenüber den Eltern, den "Segen" des Vaters erbitten? Was ist wahr daran, wenn einer Entschuldigung "vermessen" und Verzeihen "anmaßend" nennt?

Was leitet das Denken dieses Mannes hinter seinem therapeutischen Handeln und wie kommt er dazu, seinen Finger treffsicher auf blinde Flecken eingefahrenen aufklärerischen Denkens zu legen? Warum schaut er:

  • auf die Liebe beim Inzest (da ist man doch empört!),
  • auf die Unentrinnbarkeit von Schuld im Nazi-Kontext (die hätten doch wissen und kämpfen müssen!),
  • auf die Entrüstung als gewalttätige Energie (man muß doch gegen Unrecht kämpfen!),
  • auf die Achtung des Männlichen bei aller Emanzipation (wo soll die herrühren bei soviel männlicher Verachtung für das Weibliche!) ,
  • auf die Schuld von Adoptiveltern ihrem adoptierten Kind gegenüber (Adoption ist doch eine große soziale Tat!),
  • auf die Bindung an die Familie als Quelle von Freiheit (man muß sich doch emanzipieren von den Eltern!),
  • auf Versöhnung mit dem Schicksal (ich nehme mein Schicksal in die eigene Hand!)

So viele Fragen kamen da in meinem Kopf zusammen! Doch der Kern meiner Faszination für Hellingers Arbeit war einfach mein Berührtsein. Ob ich ihn live erlebte, in seinen Büchern schmökerte oder später dann stundenlang mit ihm sprach: immer empfand ich danach so etwas Merkwürdiges wie Friedlichkeit, Entspannung, so eine gelassene Heiterkeit mir und der Welt gegenüber. Woran das liegt? Vielleicht hat es etwas damit zu tun, daß da einer beharrlich nach der Liebe als Quelle von Verstrickung, Leiden und Krankheit sucht.

Hellingers Sprache kommt mitunter etwas altertümlich daher. Wenn er von Demut, Güte oder Gnade spricht, vom Segen des Vaters, vom Leben als Geschenk oder von Versöhnung, erreicht er damit eine Sphäre seelischen Erlebens, für die die moderne, analytisch orientierte Psychologie keine Worte hat. Es ist, als baue er eine Brücke zu einer Lebenswirklichkeit, die keine Sprache hat für die tiefsten Regungen der Seele. Das alles war mir auch etwas unheinllich. Wer ist dieser Mann, der mich jenseits des Verstandes auf einem ganz anderen Bein erwischt?

Bert Hellinger kann schroff sein zu seinen Klienten, beharrlich und - gelinde ausgedrückt - bestimmt (manche sagen autoritär), wenn er es für nötig hält. Er scheut sich nicht, knallharte Einsichten offen auszusprechen - andere wagen sie höchstens zu denken! Er ist kein Mann der Rück-sicht, sondern einer der Vor-sicht.

Der Psychotherapeut, der sich lieber Seelsorger nennt, düpiert die selbsternannten Anwälte aller Armen und Entrechteten, Witwen und Waisen, seien es Therapeuten, Priester oder Engagierte, die gerne in Sachen Hilfe unterwegs sind. Das Vokabular des guten Menschen und der großen Ziele aufklärerischer Erziehung oder Therapie - irgendwie wirkt es etwas blaß, aufgeblasen und kraftlos gegenüber seiner einfachen Sprache. Und dann will dieser Hellinger gar nicht viel wissen! Wie komisch!

Gemeinhin geht es beim Therapeuten viel darum, die letzten Winkel des persönlichen Leids mundgerecht zu präsentieren. Hellinger will "nur" Ereignisse wissen - nicht, was sich jemand dazu denkt oder wie er "gerade jetzt" fühlt. Nein: "Na los, stell erstmal deine Familie auf", unterbricht er Ansätze von Klageliedern auf böse Väter oder verschlingende Mütter.

Einmal hat er mit einem Mann gearbeitet, der seine Frau und seinen Sohn bei einem Unfall verloren hat. Diese Schilderung des Geschehens hat den ganzen Raum gelähmt, so schrecklich war sie. Und Hellinger steht ihm gegenüber, hört zu, seine Stimme wird weich. "Nun stell mal auf", sagt er, und versteht es auf unnachahmliche Weise, mit diesem Mann den Tod seiner Lieben anzusehen, um ihn ins Leben zurückzubegleiten - ganz ruhig, mit wenigen Worten und einer gütigen Sicherheit, die alle im Raum trägt. Auch das ist er. Ein weicher, warmherziger Mann, ganz gesammelt in seinem Mitgefühl. Und irgendwann haben wir dann tatsächlich zusammengesessen, erst im Rundfunkstudio, dann in seinem Arbeitszimmer, und einen rasanten Fragenkatalog abgearbeitet. Wie gut, daß er mitgemacht hat! Nicht alles ist bis ins Letzte geklärt. Aber genug fürs erste.

Die Gespräche mit Bert Hellinger laden ein zu einem Wechselbad der Gedanken und Gefühle. Er provoziert, fasziniert, berührt und ärgert. Diese Mischung nährt den Geist und bringt das Denken in Gang, wo es sich sonst zufrieden zurücklehnt. Und irgendwie geht man danach etwas nachsichtiger in die Welt.


 
© 2003 Bert Hellinger International Impressum | Sitemap | Kontakt