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    Das Virtuelle Institut | Die Bewegungen der Seele
 

Einige Gedanken über Bewegungen, den Einwand und den größeren Einklang

Martin Gannott

Die Gedanken entstanden im Rahmen des internationalen Kongress "Leidenschaft und Verantwortung" in Würzburg (30. April - 3. Mai 2003).

Die Bewegungen
Das Horchen
Der Einwand
Im Verschiedenen gleich
Der Einklang
   
   

Die Bewegungen

Wenn ich die Bewegungen der Seele länger auf mich wirken lasse, verdichten sich in mir mehrere Eindrücke, die, indem ich ihnen Raum gebe, mir das Erlebte verständlicher machen. Fast sieht es so aus, als ob es, im Laufe der Jahre der Entwicklung und Verbreitung des Familienstellens der größeren Seele möglich geworden ist, klarer ans Licht zu treten und wirksam zu werden. Und ebenso scheint es, dass die Familienseele selbst im Dienste der größeren Seele steht, dass diese sich zunächst und vordergründig durch jene gleichsam ausdrückt, ohne sich in ihr zu begrenzen. Erst nach einer gemäßen Zeit ist dann dem einzelnen - vielleicht - weiteres erlaubt.

So steht für mich, wenn ich in mich hineinhorche, auch außer Zweifel, dass die Arbeit mit der größeren Seele eine neue und andere Haltung als bisher voraussetzt. Dies mag uns herausfordern. Das neue Arbeiten würde beispielsweise die Bereitschaft verlangen, sich vom bekannten Dreiklang der Bindung-Ausgleich-Ordnung als etwas Vorübergehendem wieder zu lösen und sich einem Größeren anzuvertrauen, in welchem diese aufgehoben weiterwirken und vor dem alle Schicksale gleich gültig und vollendet sind, mögen sie sich dessen selber bewußt sein oder nicht. Familien-Aufstellungen bleiben damit weiter wertvoll und verweisen doch gleichzeitig auf ein Nächstes.

Das andere Arbeiten würde von uns außerdem Abstand von der Vorstellung verlangen, das Aufstellen wäre sozusagen regelgeleitet, das Wissen darüber also ein weitergebbares, mehr oder weniger in sich geschlossenes Werk. In diesem Fall hätte man das Verdinglichen dem Wahrnehmen vorgezogen. Weiterhin gälte es, auch Abstand zu gewinnen von der Unschuld des Verändernwollens der Familienseele, vor allem dort, wo es dem Therapeuten nicht weiter zugemessen wird, sondern ihm Geduld, wenn nicht Beschränkung abverlangt. Dieses stets gemäße Größere, das selbst erlaubt wie begrenzt, kennen wir als "große Seele". Wie wir in der Arbeit sehen, sind in ihr, nach Art einer Kollektivseele, neben Sippen auch Völker und Kulturen, selbst Götter, aufgehoben, seien sie strafend oder gnädig.

Das Horchen

Schließlich erfordern die Bewegungen möglicherweise eine Art "Horchsamkeit", von anderer Seite auch als "drittes Ohr" bezeichnet. Gelegentlich kommt es mir so vor, als höre ich vorübergehend Klänge, mitunter auf- und abschwellend, bis sich schließlich die zeitweiligen Dissonanzen hinbewegen auf Ein-Klang. Das vorher Nicht-Harmonische kommt in eins mit dem dahinter tönenden, zugleich vorgegebenen größeren Klang, bis es zu-stimmt. Die Töne bleiben dabei auch im Zusammenklang verschiedene, ein jeder Ton für sich. Am Ende: eine "Stille in Fülle". Die beendigte Arbeit ist, indem sie offenbleibend weiterwirkt, fast ein wenig wie der 1. Akt einer Oper.

Hier erinnere ich mich daran, dass ich kurz zuvor zufällig auf Ausführungen von Richard Wagner gestoßen bin, die er machte, als er nach dem schon epochalen "Lohengrin" die noch radikalere Wende zu "Tristan und Isolde" vollzog und seine eigenen Regeln brach: "Mit (...) Zuversicht versenkte ich mich (...) in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge und gestaltete aus diesem intimsten Zentrum der Welt ihre äußere Form. Aller Leben und Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der äußeren Welt hängt hier allein von der inneren Seelenbewegung ab". Die Bewegungen sind, mehr noch als Aufstellungen, poetischer Art, wie die Seele selbst, jenseits aller Worte und Absichten, vielleicht auch jenseits der Zeit.

Das Gesagte bedeutet nicht, dass alles, was in der Arbeit mit Bewegungen der Seele wahrnehmbar ist, sofort verständlich wäre. Über die Verstehbarkeit, aber auch über die Frage der Legitimität für den Klienten, die sich aus der immer konsequenteren Verdichtung der Arbeit ergibt, ist im kollegialen Austausch viel Widerspruch zu hören. Ist dieser als "konstruktive Kritik" aufzufassen, als Parteinahme für den Patienten, dessen erklärtes Anliegen höher gestellt wird als das eigene Beobachten seiner Seele? Was ist die Wirkung solcher Kritik für mich? Bestärkt sie mich bloß im eigenen oder gibt sie mir auch Kraft? Wenn ich aufmerksamer werde, sowohl auf mein eigenes inneres Für und Wider als auch auf die Heftigkeit mancher Kritik im Außen, blicke ich auf etwas, das wir im täglichen Leben alle kennen, von uns oder manchen unserer Klienten: den Einwand.

Der Einwand

In erster Linie ist der Einwand etwas anderes als die Vorsicht und die Einsicht. Die Vorsicht einerseits wartet angemessen und zu Recht ab, weil sie noch nicht genau weiß, erwägt den nächsten Schritt und ist zu ihm, wo nötig, bereit. Sie hält sich zurück, weil sie genau wahrgenommen hat, solange, bis sie es hinreichend weiß, dann handelt sie. Die Einsicht andererseits blickt von fern auf Einwand und Vorsicht, sie ist gleichermaßen wissend über das Handeln wie das Nicht-Handeln, über Leben und Tod, über das Mögliche wie das Vorläufige; hierin durchschaut sie auch die Beweggründe von Einwand und Vorsicht. Nur eine Einsicht kann einer anderen Einsicht wirklich ebenbürtig entgegentreten, ihr etwas neues zeigen oder zu Bekanntem etwas hinzufügen, denn sie hat Gewicht.

Dem Einwand liegt dagegen ein Affekt der andauernden Vorbehaltlichkeit zugrunde. Dieser Affekt überstimmt einzelne, womöglich wichtige Gedanken und Wahrnehmungen so sehr, dass sie ihre Kraft verlieren. Dadurch zieht er am Ende die ganze Aufmerksamkeit auf sich, was ihn verführerisch erscheinen lassen kann. Er stellt sich mit seinem Affekt manchmal zwischen die Vorsicht und die Einsicht. So scheinen sich Einwand zu Vorsicht zu Einsicht in etwa zu verhalten wie ein sekundäres Gefühl zu einem Primärgefühl zu einem Seinsgefühl.
Der Einwand hält auf diese Weise zurück vom Weitergehen und Handeln, ja er kann sich einst selbst als zurückgelassen empfunden haben, dann wäre Aggression ein mögliches Sekundärgefühl zu einem zugrundeliegenden Schmerz. Der Einwand und seine Affekte entstammen Erfahrungen innerhalb eines Sippengewissens, und sie sind folglich selber bereit, wiederum einem neu erwählten Gruppen-Gewissen zu folgen, das sie zu tragen verspricht. Sekundärgefühle erlauben das, weil sie flexibel zu neuen Kulissen streben und lieber gebunden bleiben, als zu wagen, hinter sich zu lassen, was vorüber ist. Man ist nicht mehr in seiner Mitte. Darunter leiden die Wahrnehmung und die Argumente.

Der Einwand folgt also keiner Bewegung der Seele hin zum größeren Einklang, im Gegensatz z.B. zum vollzogenen Abschied. Doch kann der Einwand für uns trotzdem gemäßes Schicksal sein; dann wäre er, im einen Sinne wie im anderen, aufgegebene Entwicklung.

Der Zweifel hinwieder trägt dem Namen gemäß wenigstens zwei Strebungen in sich, unter denen zumindest eine Einwand-Energie besitzt, von welcher er sich zu reinigen hat. Er steht dabei vor der Frage, entweder der eigenen Wahrnehmung bzw. Idee oder einer anderen mehr zu trauen, um in für ihn überzeugender Weise Gewißheit zu erlangen. Der Zweifel ist oft ein zurückgehaltenes Eingeständnis. Auf die Dauer muss er sich entscheiden, weil er andernfalls ver-zweifelt. Folgerichtig fällt er entweder zurück in den Einwand, mündet sonst in die Vorsicht - oder zieht weiter zur Einsicht.

Im Verschiedenen gleich

Hinzufügen möchte ich hier schließlich noch, daß man beim weiteren Betrachten feststellen kann, wie ausschlaggebend für solche Beobachtungen die unterschiedlichen "Reichweiten" der Wahrnehmung sind, sie sind gleichsam ein Vermögen der Seelen selbst. Dies tritt für mich immer deutlicher zu Tage. Es steht niemandem zu, einem anderen seine Entwicklung vorzuwerfen. Jedem kommt letztlich zu, wohin es ihn führt. Nun geht in gewisser Weise der Therapeut dem Klienten voraus, doch wer dem Therapeuten? Vor allem, nach welcher Ordnung vollzieht es sich? Das grundlegende Bild für die Entwicklung jedes Menschen ist ja, von den Eltern das Leben zu nehmen, wie es ist, dann kann man auch weitergeben. Doch offenkundig geschieht später in anderer Hinsicht noch ein zweites.

So kam mir in neuerer Zeit ein Bild, das von manchen Übungen Bert Hellingers inspiriert wurde. Die Schüler würden dabei ihren Lehrer lange anschauen und sich auch von ihm anblicken lassen. Manche, die zweifeln, würden vor seinem Blick bestehen, andere schauten, obgleich er wohlwollend aussieht, vielleicht beiseite. Doch wie auch immer, sie würden sich dann leicht vor ihm verbeugen mit den inneren Worten: "Danke für das, was du uns gegeben hast, es ist genug. Wenn du jetzt weiterziehst, ist es uns recht, wir stimmen deinem Weg zu. Auch wenn er anderswo hinführt, vor etwas Größerem ist er unserem Weg gleich. So geben wir es weiter, wie jeder von uns es kann, und es bleibt groß und in Fülle." Dann würden sich Schüler und Lehrer gemeinsam hinwenden zu einem größeren Licht in der Ferne, dem sie alle dienen, und sich davor tief verneigen. Ich habe einmal diese Übung im Stillen mit mir gemacht und habe sie, gerade mit Blick auf das vorher Ausgeführte, als sehr lösend erlebt. Fast erahnt man eine Stufenleiter der Seelen mit einer Rangfolge gemäß dem "seelischen Gewicht". Vielleicht ein merkwürdiges Bild ...?

Der Einklang

Die große Seele also läßt, so wie ich es bislang gesehen habe, das gemäße Weiterwirken von Schicksalen in den Generationen sichtbar werden, selbst da, wo es uns als etwas Verbotenes oder Schreckliches erscheint. Sie verlangt von uns, auch dies in unser Herz zu nehmen, ohne immer Einzelnes darüber wissen zu können oder zu brauchen. In ihrer Weite und Tiefe bleibt sie ein Geheimnis.

Die tiefen Bewegungen geben Einblick in die Auswirkungen von früherer Sühne und Schuld und führen zurück in letztes, nämlich in die einst in der Familie abgelaufene Grundsituation von Täter und Opfer überhaupt, den Mord. Warum zeigt gerade er sich regelmäßig in den Bewegungen? Er ist ein häufigeres Ereignis als bisweilen angenommen. Vielleicht lief in noch früheren Zeiten der Ausgleich, auch zwischen Generationen, öfter als heute ab durch Mord, weshalb uns die Vergangenheit der Steinzeit und des Mittelalters auch redensartlich dunkel vorkommen mag. In Schichten oder Ländern, die auf einer evolutiv früheren Mem-Stufe der Spiral Dynamics leben, ist so z.B. auch in der Gegenwart zu beobachten, daß während einer Epoche der Konflikt wie der Krieg das unausweichliche Entwicklungsschicksal einer Kultur sein können. Wenn man "politische Aufstellungen" ins Auge fassen will, können solche Einsichten eine weitreichende Hilfe sein.

Daraus ergibt sich am Ende der Gedanke, daß vielleicht gerade das Dunkle für den Menschen Wachstum schafft, das über die Grenzen des persönlichen und kollektiven Gewissens hinaus führen kann und das ihm anders nicht in der selben Hinsicht zukommen würde. So kann eine Bewegung beginnen, die auf Versöhnung von einander Entgegenstehendem hinwirkt. In diesem Sinne kommt das Unannehmbare immer zur rechten Zeit. Das hatten Familienaufstellungen, wie ich sie bisher kannte, in dieser Tiefe noch nicht ans Licht bringen können. Mit dem Schlimmen endet die Unschuld und es öffnet sich manchmal der Weg hin zum größeren Einklang. Dort wird alles gelassen.


Aachen, Mai 2003


 
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