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Eltern und Kinder Von Fritz Freitag. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Mein Platz in meiner Familie- wie ein Magnet zog mich der Seminartitel an. Mein Platz? Meine Eltern wurden 1945 aus ihrer Heimat vertrieben, die beiden Brüder am Ende des Kriegs und ein Jahr später geboren. Flüchtlinge. Ich bin der Jüngste. Nachkömmling, in besseren Zeiten aufgewachsen. Wohlbehütet, hörte ich immer. Mich zog es früh weg von zu Hause, nach Auseinandersetzungen, Kämpfen. Ich wollte mein eigenes Leben. Dem Wunsch der Eltern nach einem sicheren Beruf habe ich die Risiken des Selbständigseins entgegengestellt. Keine Wurzeln schlagen. Kein Eigenheim, dagegen viele Reisen. Eine langjährige Partnerin, aber keine Heirat. Vor fünfzehn Jahren war ich überzeugt, ich hätte mich von meiner Familie gelöst. Seitdem holt sie mich ein - immer wieder. Ich bin - als einziger der Kinder - in die Geburtsorte der Eltern im heutigen Polen gefahren. Verwundert, daß ich nach meinen Wurzeln suche. Ich leiste viel, mehr als mir gut tut. Der Preis sind Rückenschmerzen - chronisch. Bei der Frage nach Gründen bin ich auf den unausgesprochenen Grundsatz unserer Flüchtlingsfamilie gestoßen: Du bist nur was, wenn Du was leistest. Auch ich lebe ihn, trage ihn wie eine Last. Für mich, die Familie? Und hindert mich die Loyalität zum schweren Familienschicksal, mir es im Leben richtig gut gehen zu lassen? Nun das Seminar: Familienaufstellun gen nach Bert Hellinger, mein Platz in meiner Familie. Ich wollte es wissen. Aufgeregt, auch etwas skeptisch sitze ich mit 25 Männern und Frauen zwischen 30 und 60 Jahren in einem Raum. Fünf Tage liegen vor uns - und der gemeinsame Wunsch, das innere Bild der eigenen Familie aufzustellen. Dazu wählt man aus der Gruppe Stellvertreter für sich und andere Familienmitglieder (auch Gestorbene) und stellt sie gesammelt in Beziehung zueinander auf. Die Aufgestellten spüren körperlich die Wirkungen des Platzes, an dem sie in der Familie stehen, ohne die dargestellten Personen zu kennen: etwa als Schauer, Schwindel, Beklemmung. Sie fühlen Nähe, Ärger, Trauer... Die Lösung ist immer mit Würdigung verbunden. Die erste Aufstellung. Franz ist über 40, ein gestandener Mann. Er fühle sich in Beziehungen oft so orientierungslos, ohne Begrenzung. Seinen Vater verachte er. Der Vater war im Krieg Soldat in Belgien und blieb nach der Gefangenschaft dort noch eine Zeitlang. Er habe die Mutter zu lange allein gelassen, immer habe sie die Last der Verantwortung allein tragen müssen. In der Aufstellung fühlt der Vater sich allein. Es wird besser, als der Therapeut gefallene Kriegskameraden zu ihm stellt. Verlorene Freunde. Dann soll Franz sich vor seinem Vater hinknien und sich tief verbeugen. Lieber Vater. Ich gebe dir die Ehre. Stockend spricht Franz nach. Es tut mir leid. Ich habe bisher nicht gesehen, was es heißt, im Krieg zu überleben. Die Sätze kommen nicht recht an. Er brauche noch Zeit, sagt Franz. Die gebe ich dir, der Vater. Schweigen in der Gruppe, als alle wieder sitzen. Franz ist gerührt. Das erste Mal habe er eine Beziehung zu beiden Eltern gespürt - wie einen Rahmen. Wenn man den Eltern die Ehre erweist, kommt etwas tief in der Seele in Ordnung, sagt der bekannte Psychotherapeut Bert Hellinger. Das Nehmen von Vater und Mutter ist ein Vorgang unabhängig
Ordnungen der Liebe nennt der gut über 70-jährige Hellinger Bedingungen für das Gelingen von Beziehungen. Zu den Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern gehört als erstes, daß Eltern geben und die Kinder nehmen. Sie geben den Kindern mit dem Leben sich selbst, so wie sie sind. Jeder der nimmt - auch das gehört zur Ordnung - ehrt die Gabe und die Geber. Das Kind muß deshalb seine Eltern so nehmen, wie sie sind - und sie anerkennen, wie sie sind. Bei Hellinger gibt es nicht Gute und Böse, Opfer und Täter - allenfalls Verstrickte. Verstrickungen entstehen, wenn Familienmitglieder ausgeschlossen, verachtet, abgewertet werden. Dann identifizieren sich Spätere - oft unbewußt - mit den nicht Gewürdigten, ahmen sie nach - oft verschlüsselt in Symptomen. Oft stehen Kinder in der Familie in anmaßender Position. Etwa wenn sie die Stelle von Partnern einnehmen oder ein Elternteil aus Treue zum anderen verachten. Was man ablehnt, muß man dauernd im Blick haben. Der Weg zur Freiheit, zur Autonomie führt über die Liebe. In den Aufstellungen spürt man es mit, wenn die Liebe sich ihren Weg bahnt, begleitet von innigem Umarmen, tiefem Schluchzen, hemmungslosen Weinen. Gelöster Schmerz. Die Lösung liegt dann in einem neuen guten Bild der Familie, in dem die Ordnung wieder hergestellt ist. Die Liebe, wenn sie am Licht ist - wird zu einer Kraft,
Am dritten Tag quälen mich Unruhe und Rückenschmerzen. Immer wieder ist Krieg das Thema. Väter, die umgekommen sind, Familien, die auseinandergerissen wurden - und wie die Schicksale bis heute wirken. Krieg und Tod ist auch Thema meiner Familie. Mein Onkel mütterlicherseits ist im ersten Weltkrieg als Kind gestorben. Ich trage seinen Namen als zweiten Vornamen. Und die Oma väterlicherseits starb nach Kriegsende an Typhus. Sie gilt als Familienheldin, hat meinen Opa aus dem zerbombten Haus gerettet - ihn ins Leben zurückgeholt. Ich stelle auf. In einem Halbkreis stehen meine Eltern, mein Opa, die Oma, der tote Onkel. Der Therapeut stellt mich an meinen Platz. Gebannt schaue ich zwischen Oma und Onkel hin und her. Die Oma - bisher unerreichbar - lächelt. Ich darf sie umarmen, meinen Tränen Lauf lassen. Ich verbeuge mich vor ihr: Liebe Oma, ich gebe Dir die Ehre. Du bekommst einen besonderen Platz in meinem Herzen. Dann der Onkel. Lieber Onkel Helmut, ich achte Dein Schicksal... Beiden stelle ich meine Partnerin vor. Schaut gütig, wenn wir glücklich sind. Lösende Sätze. Schließlich mein Lösungsbild. Ich stehe vor meinem Vater und den Großeltern, darf mich kurz anlehnen. Rückenstärkung. Mutter und Brüder sind neben mir. Gehe ins Leben - und stehe Deinen Mann, höre ich den Stellvertreter meines Vaters zu mir sagen. Vor mir - ein offener Weg. Wie wirken Aufstellungen nach? Ich habe das Gefühl mitgenommen, in einer Reihe zu stehen, die sich weiter und weiter fortsetzt. Und hinter mir - auf meinem weite-ren Weg durchs Leben - habe ich die Familie als Stärke. |
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