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Das Familien-Stellen ist eine Kunst

Konzeptionelle Überlegungen zu anspruchsvollen Ausbildungen von Heinz Stark

(Zuerst erschienen in der Zeitschrift "Praxis der Systemaufstellung. Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen" - Ausgabe 2002, Heft 1)

Inflationäre Tendenzen
Gedanken zur (Aus-)Bildung künstlerischer / "aufstellerischer" Persönlichkeiten
Die Stellung des Handwerklichen in der Ausbildung
Drei Gründe, warum es nicht (mehr) genügt, sich das Handwerk des Aufstellens anzueignen
Zur Qualifikation der Lehrenden
Zur Dauer und Struktur eines Trainings


Inflationäre Tendenzen

Als ich 1995 begann, Bert Hellingers Aufstellungsarbeit in Amerika vorzustellen, hatte so gut wie niemand davon je etwas gehört. Als dann allmählich der heilsame Nutzen der Arbeit erkannt wurde, war ich sehr bald mit der Tatsache konfrontiert, dass Therapeuten diese Arbeit zu lernen wünschten, aber auch Psychogeschäftemacher und mehr oder weniger gescheiterte Existenzen ihre Chance witterten; sie besuchten Workshops und stellten viele Fragen.

Es gab dabei Erscheinungen, die mich geradezu fassungslos machten, wie zum Beispiel ein Psychotherapeut, der, nachdem er an zwei Wochenend-Workshops teilgenommen hatte, und zwar völlig eingenebelt in eigene heftige Dynamiken, öffentlich erklärte, von mir ausgebildet worden zu sein und alsdann begann, selber als Trainer aufzutreten.

Indes sind wir hier in Europa ja auch fleißig dabei, das "Hohe Lied" des Konsumierens zu erlernen, wie die Flut an unqualifizierten Aufstellungsseminaren und leider auch das Studium so mancher Trainingsofferte lehrt. Nach mehreren Jahren der Erfahrung mit derartigem Lehren und Lernen, kam ich zum Schluss, dass der vorherrschende schnelle Einkauf von Kenntnissen und Fertigkeiten zum Zwecke unverzüglichen Wiederverkaufs in den meisten Fällen nicht in die Tiefe vorzudringen vermag, in der diese Arbeit ihre volle Kraft entfaltet, dass ihre Aneignung oberflächlich und ganz vom "Know How" bestimmt ist, welches dann oft noch mit "Zuckerkruste" versehen wird und kombiniert mit allen möglichen Flachheiten daherkommt.

Angesichts solcher Entwicklungen erscheinen mir mystifizierende Vorstellungen, die Arbeit sei entweder in der Lage, sich selber zu schützen, oder man könne da nichts machen, so billig wie die Entwicklung, die sie kommentieren. Zu resignieren vor dem Zeitgeist oder sich andersherum auf seinen Waren-Wunderteppich zu setzen ist unserer Arbeit alles andere als angemessen, da sie ihrem Wesen nach dem Zeitgeist entgegensteht.

Mit der Absicht, das mir Mögliche zu tun, gut ausgebildete Aufsteller im Markt zu etablieren, so dass sich längerfristig die Spreu vom Weizen trennen könne, bot ich schon 1998 ein erstes formelles Training an, obwohl mir das zu diesem Zeitpunkt noch fast wie ein Bruch eines Tabus anmutete, teile ich doch die Sorge um die Gefahren einer Schulenbildung.

Gedanken zur (Aus-)Bildung künstlerischer / "aufstellerischer" Persönlichkeiten

Ein auf Tiefe und Qualität zielendes Training verlangt Kontinuität über eine längere Zeit und einen intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit der Arbeit und mit sich selbst.
Eine so angelegte Ausbildung führt unvermeidlich dazu, dass bei allen Lernenden immer tiefere Schichten der eigenen systemischen Verstrickungen berührt werden und jede(r) Trainee sich über kurz oder lang mit seinen/ihren psychischen (Über-)Lebenshaltungen, Glaubenssystemen und (kulturspezifischen) Ideologien konfrontiert sieht und sich mit der Frage, was da loszulassen sei, befassen muss.

Wenn auf diese Weise, besonders bei der Erforschung eigener Anteile bei Phänomenen des Widerstandes, unweigerlich die eigenen Schatten, blinden Flecke und der eigene Charakter tangiert werden, wird oft rasch klar, dass das wirkliche Eintauchen in phänomenologisch-systemische Arbeit für viele mehr fordert, als sie zunächst zu geben bereit waren.

Ich plädiere daher dafür, dass wir alle, die wir Aus- und Fortbildungen anbieten, unsere Angebote kritisch überprüfen, ob sie den Mut zeigen, gegen die blanke Logik des Marktes, den Studierenden etwas abzuverlangen. Wir sollten dabei orientiert sein an der Frage, ob, nach Maßgabe dessen was wir zu antizipieren in der Lage sind, unser Angebote, qua Struktur, Inhalt und Methodik geignet sind, Absolventen zu entlassen, die voraussichtlich die Tiefe der Arbeit weitertragen und fortzuentwickeln vermögen (und dem Lebenswerk Bert Hellingers Ehre machen werden).

Berthold Ulsamer veröffentlichte zu diesem Thema ein gutes Buch, das den Titel "Das Handwerk des Familienstellens" trägt. Er vertritt darin die Ansicht, dass nur das Handwerk des Familienstellens lehr- und lernbar sei, indes die Kunst und die Tiefe des Familienstellens nicht. (1) Diese Auffassung reizt mich als Künstler allerdings sehr zum Widerspruch. (2)

Für eine Ausbildung, die mit nichts weniger befasst ist als mit der Arbeit an guten Ordnungen in der Seele von Sippen und Familien (und den systemischen Ausgleichskräften von Organisationen und Betrieben) scheint es mir mehr als angemessen, Trainingsprozesse zu kreieren, die über das Handwerkliche hinausstreben und dem anspruchsvollen Ziel folgen, Wachstumsprozesse anzuregen zur Fähikeit, eine Kunst des Aufstellens auszuüben.

Das heißt, Ausbildung sollte von vorneherein den Lernenden hilfreich sein, je eigene Wege zu bahnen, im Laufe der Zeit und mit wachsender Erfahrung vom reproduzierenden Anwender zum schöpferischen Wender zu gelangen ohne die Authentizität der Arbeit zu verlieren.

Bei der Verwendung der Begriffe Kunst und Künstler sind wir in der Regel nicht gewohnt, auf die erstaunlich große Zahl von Künstlern zu schauen und den entsprechend großen Fundus an exzellenten Kunstwerken, die von einer breiteren Öffentlichkeit unbeachtet geblieben sind. Wir schauen etwa auf solch herausragende Gestalten der Kunstgeschichte wie Michelangelo (der persönlich sein Leben lang kreuzunglücklich war) aber in unübertrefflicher Weise Handwerk und Kunst verschmolz und die neue Weltsicht der Renaissance aus dem Marmor meißelte. Mit Blick auf sein Werk drängt es sich schon auf, zu glauben, dass jenseits des immensen Fleißes und dem schlichten An-der-Zeit-sein, ein gleichsam verliehener Genius am Werk gewesen sein müsse. Wieso aber nehmen wir an, dass solches nur wenigen zuteil werden könnte? Den Kräften, die hinter den kulturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Selektionsprozessen wirkten, die darüber entschieden, welche Kunst geboten war, kam der Mythos von den wenigen Begnadeten freilich zu pass.

Die Erfahrung, dass Größeres auch durch uns gewöhnlich Sterbliche hindurch wirkt, ist in uns Aufstellern doch sehr lebendig, etwa in der Weise, wie sie Matthias Varga von Kibed für die Aufstellungserfahrung so schön beschrieben hat:

"Wir werden…., wenn wir dieses Wissen oder diese Einsicht oder diese Erfahrung registrieren, dazu hingeführt zu sehen, dass dieses Wissen einerseits wirklich das Unsere ist, aber in der Weise das Unsere ist, wie wenn uns gerade etwas geschenkt worden wäre. Und das führt dann auch dazu, dass wir es auf eine andere Weise zur Kenntnis nehmen, nämlich eher mit einem Gefühl von Dankbarkeit und Beschenktheit und nicht bloß, als ob wir eine Sachaufgabe oder ein mathematisches Rätsel gelöst hätten." (3)

Während ich so ganz in die Aufstellungsarbeit eingenommen bin, spüre ich wie dieses Tun sich exakt genauso anfühlt, dieselben Energien mobilisiert und verbraucht, wie mir dies geschah, wenn ich mich mitten in den Werdensprozess eines Kunstwerks eingeflochten befand.

Am Ende eines Seminars, wenn ich mich dann im Kreis umschaue, in die entspannten Gesichter blicke und die Augen sehe, aus denen Leben glänzt, und fühle wie der Raum in mir und der um mich von Dankbarkeit erfüllt ist, dann kommt mir öfters Joseph Beuys in den Sinn und sein Begriff des sozialen Kunstwerks. Es ist zu bedauern, dass dieser große Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts das systemische Aufstellen nicht mehr erlebt hat. Ich glaube, es hätte seinem Streben nach der Kunst als sozialer Plastik eine ganze Dimension hinzugefügt. (4)

"Der Begriff Plastik wird von Beuys neu definiert und zwar im Hinblik auf eine Synonymie mit Kunst ganz allgemein,…, ja im Endeffekt mit dem Menschen selbst". (5)

Beuys hat das Künstlertum "den wenigen genialen Künstlern" (6) entwunden und sie wieder den Menschen zugeordnet, seine berühmte Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, schließt den Genius nicht aus, sondern sozialisiert ihn. Genius bedeutet nicht nur Erzeuger, sondern im römischen Altertum auch Schutzgeist oder göttliche Verkörperung des Wesens eines Menschen, einer Gemeinschaft oder eines Ortes. Im Lichte systemischer Erfahrungen nennen wir solchen Genius heute in Anlehnung an die Naturwissenschaften unverdächtiger ein Feld.

Dieses eigentümliche Feld, welches uns in seinen Dienst nimmt und beschenkt, bedarf, bei aller sozialen Erweiterung des Kunstbegriffs, des künstlerischen Subjekts, des zelebrierenden Schamanen, des Magiers der Aufstellungskräfte, des wahrnehmenden, transformierenden, zielgerichteten Mittlers. Beuys selbst war hier ein Beispiel, er hat seine Aktionen nie dem Publikum (7) überlassen, seine Haltung war einbindend und berührend, aber er stellte deutlich die Mitte des Geschehens dar, ganz wie wir es bei Bert Hellinger erleben.

Wenn wir als Künstler solche Menschen beschreiben, die größere Wirklichkeit(en) aufzunehmen und durch ihre Person hindurch zu bündeln und zu formulieren vermögen, sind wir mit der Frage nach Erlernbarkeit und den bildbaren Anteilen eines solchen künstlerischen Produktionsvermögens auf die Persönlichkeit des Künstlers verwiesen. Was es im Einzelnen in der Persönlichkeit auch immer sein mag, was bei einem solchen Bildungsprozess in dieser angelegt und angeregt wird und dann über das bloße Reproduzieren von Erlerntem hinausführt; es ist keinesfalls nur etwas für das äußerlich Funktionelle, Angeeignete, vielmehr etwas, was dem den ganzen Menschen prägenden Wesen zugehört; es ist aber andererseits auch nichts, was dem Bilden, Zuwachsen, Erwachsen und Einwachsen entzogen wäre, Persönlichkeit ist der Wandlung fähig. (8)

Die Persönlichkeit ist letztlich die einzige Instanz durch die das Kunstwerk konkrete Gestalt annehmen kann (und noch im Werden schon auf diese formend zurückwirkt).
Jeder ernsthafte Bildungsprozess ist daher meines Erachtens wesentlich Re-form(ung) der Persönlichkeit, unabhängig davon, ob dieser Vorgang nun von den Lehrenden als Teil des Bildungsprozesses bewusst in den Blick genommen ist oder unbeachtet bleibt.

Die langjährige Ausübung künstlerischer Lehre in verschiedenen Zusammenhängen jenseits der öffentlichen Schule lehrte mich, dass bei allen in diesem Feld engagiert Lernenden, höchst eigenartige ästhetische Potentiale verborgen sind, warum sollte dies bei den "psychischen Vermögensanlagen" für die Kunst des Familienstellens anders sein?
Zu finden sind diese dort, wo die eigenen abgelehnten Eigen-schaften wohnen, bei dem Material also, das den hartnäckigen Eliminierungs- oder Verdrängungsversuchen zu trotzen vermochte.

Von Anstößen, die diese Potentiale zu erschließen vermögen, gehen Lernbewegungen aus, die die Entwicklung künstlerischer Persönlichkeiten unterstützen. Sie sind freilich von anderer Natur als die für die Aneignung des Handwerklichen notwendigen. Sie haben eher die Physiognomie einer unterstützenden Begleitung von Wachstumsklienten in einer humanistischen Therapie als die einer Handwerkslehre.

Die Stellung des Handwerklichen in der Ausbildung

Handwerkliche Fertigkeiten sind an die Handhabung des (Hand-)Werkszeugs gebunden, die Wahl des Werkzeugs ist bezogen auf das zu bearbeitende Material, und der gute Umgang damit will sehr wohl gelernt sein. Alle handwerklichen Lerngegenstände sollten in einer Ausbildung versammelt sein. Es sind dies alle Elemente der phänomenologisch-systemischen Therapie, ihre ethischen Haltungen, bisherige empirischen Erfahrungen, Methoden, Experimente, die Grundzüge phänomenologischer Philosophie, paradoxales und systemisches Denken, die Fähigkeit zur komplexen und blitzartigen Wahrnehmung. Der Kanon des zu begründenden handwerklichen Könnens geht also weit hinaus über das Anwenden der "Ordnungen der Liebe" oder der Techniken des Aufstellens.

Das Handwerkliche selbst wurde auch in der künstlerischen Lehre stets als fundamentaler Bestandteil aufgefasst, paradoxerweise selbst noch zu Zeiten moderner Kunst, welche bekanntlich zu weiten Teilen gegen das Handwerkliche eingenommen war. Trotz allen Beziehens hat sich indes die historische Trennung von Kunst und Handwerk vollzogen.
Wenn es stimmt, dass ein Aufsteller sein Handwerk dann beherrscht, wenn er es (sich) "flexibel unterschiedlichen Situationen anzupassen versteht" (9), ist die Frage angebracht, wo und wie er zu dieser Fähigkeit gelangt? Was tue ich denn als Lehrender zum Beispiel mit einem Studierenden rigiden Charakters, einem notorischen Regelanwender? Wie kann ich dem einen und wie der anderen helfen, das Vertrauen zu stärken, sich gelassen dem leeren Raum des (ganz und gar unhandwerklichen) Nichtwissens und Nichtkönnens auszusetzen, jener fundamentalen Haltung phänomenologischen Wahrnehmens?

Wäre das Handwerk für eine Ausbildung genug, müsste es tatsächlich so etwas wie das "richtige"und voraussagbare Aufstellen geben, denn es ist das Wesen des Handwerks zu wissen, wie etwas richtig und gut gemacht wird. Das gibt es, wie wir alle wissen, in der Aufstellungsarbeit in dieser Form aber nicht, so wenig wie in der Kunst. Es ist geradezu das Wesen eines gelungenen Kunstwerks der Gegenwart, die Kategorien des Richtig und Falsch überwunden zu haben; ja, selbst das Unangemessene kann hier im Kontext des Ganzen zu einem bedeutenden Ausdrucksträger werden, so gut wie ein handwerklicher Fehler sich in der Aufstellungsarbeit manchmal plötzlich als weiterführend erweist oder überraschenderweise sogar eine lösende Wirkung erzeugt.

Drei Gründe, warum es nicht (mehr) genügt, sich das Handwerk des Aufstellens anzueignen

Erfahrene Aufsteller und Aufstellerinnen der ersten Generation, die sich die Kunst des Aufstellens mehr oder weniger selbst angeeignet haben, mögen sich vielleicht die Frage stellen, ob es denn überhaupt notwendig sei, so intensiv nachzudenken über Lehren und Lernen und über Ausbildungskonzeptionen, angesichts eines Lerngegenstandes, der sich in der Arbeit in so wunderbarer Weise selbst entfaltet. Es lassen sich (mindestens) drei gewichtige Gründe bündeln, warum es nach meinem Erachten nicht mehr genügt, sich auf die eine oder andere Weise das Handwerk anzueignen und warum diese Aneignung in einen strukturierten und umfasserenden Bildungsprozess eingebettet sein sollte.

  1. Die zweite und dritte Generation von Aufstellern betritt die Szene.
    Eine schon ausgebildete, wirklich künstlerische ("aufstellerische") Persönlichkeit braucht nur noch das neue Material und Handwerkszeug, es wird am neuen Tun sich wandeln und weiterwachsen. (10)

    Nach meinem Eindruck strukturiert sich die Nachfrage nach Lernen phänomenologisch-systemischer Arbeit derzeit um. Jüngere Menschen, mit naturgemäß geringeren Lebenserfahrungen als ältere, drängen in die Arbeit, sie bringen die unterschiedlichsten Vorerfahrungen mit, das Reservoir an wirklich umfassend (therapeutisch) vorgebildeten, erfahrenen, mit allen therapeutischen Wassern gewaschenen "Psychonauten" nimmt eher ab. Diese hat die Arbeit entweder längst eingesaugt, oder sie gehen Ihrer Pensionierung entgegen.

    Albrecht Mahr skizzierte auf dem Kongress in Wiesloch 1999 in einer Rede seine, aus der Tiefe der Erfahrung der Aufstellungsarbeit geschöpften, Vorstellungen über die Voraussetzungen, die jemand versammelt haben sollte, bevor er sich in die Aufstellungsarbeit begibt. Zwei Aussagen sind mir dabei besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben: Die Kandidaten und Kandidatinnen sollten bereits über eine therapeutische Qualifikation verfügen, profunde Lebens- und Berufserfahrungen haben und außerdem mindestens fünfzig Jahre alt sein.

    Da ich diese Voraussetzungen erfüllt hatte, war es mir natürlich leicht, zustimmend zu nicken. Ich tat es aber auch, weil mir aus der Erfahrung der vielen Jahre intensiver Aufstellertätigkeit deutlich ist, was diese Arbeit von uns fordert.
    Die jüngeren Menschen, die von dieser Arbeit fasziniert sind und sich gerufen fühlen, diese auszuüben, werden sich nicht vertrösten lassen, um dann im Alter von fünfzig Jahren wiederzukommen.

    Es muss uns gelingen, etwas in ihnen zu wecken, was fünfzig, ja fünfzigtausend Jahre alt ist, ein Gespür dafür, was Gesammeltsein erfordert, Aufrichtigkeit, Mut und Standhaftigkeit, und tiefes Vertrauen in die wirksamen Kräfte. Wir müssen den Mut befördern, mit Respekt und Verantwortung zum Äußersten zu gehen und erscheinende Wirk-lichkeiten zuzumuten. Es muss gelingen, Einsicht zu vermitteln, dass heilsame Aufstellungsarbeit nur möglich ist mit einer kraftvollen Bescheidenheit, ja Demut. Es gilt die Kühnheit zu wecken, sich mit dem Risiko des Scheiterns dem Prozess unterzuordnen, ein gegen das eigene Ego gerichtetes Verhalten zu leben und auf Urheberschaft von Heilung und Lösung zu verzichten und nicht zuletzt auch auf Wissen-wollen und auf abträgliche Macht im machtvollen Geschehen.

  2. Die Arbeit erfordert artistische Fähigkeiten.
    Vor dem Hintergrund des oben Gesagten mag den Kennern der Arbeit die Feststellung leicht verständlich sein, dass es notwendig sei, das Nachdenken über gründ-liche Lernprozesse zu intensivieren. Die Notwendigkeit wird uns diktiert durch die Wucht der Arbeit selber.

    Ihre Gewalt vermag uns in große Tiefen und Höhen zu schleudern, uns zu erfassen, gleich einem Menschen auf dem Surfbrett vor gigantischer pazifischer Welle voll donnernden Lebens und höchster Gefahr. Sie verlangt uns ab, konzentriert die eigene balancierende Kraft an das größere Geschehen anzuschmiegen, um (wie) mit Leichtigkeit vom Zermalmenden getragen, der Gefahr zu entgehn. Können ist hier gleich dem Vertrauen auf die eigene Geschicklichkeit der Hingabe an das Größere, das trägt. Zu solcher Kunst sich aufzuschwingen, gelingt durch Paddeln in seichten Wassern nicht.

    Die hierfür erforderlichen Tugenden können nur im praktischen Ernstfall in uns wachsen, nicht angelernt, nicht eingekauft werden, die Qualifikationen zur Arbeit an den Grenzen bedürfen ausreichender Wachstumszeit, Kontinuität, Erfahrungsaustausch und gute Trainer.

  3. Die systemische Aufstellungsarbeit ist in dauernder Wandlung
    Eine weitere Notwendigkeit, den Blick auf die erforderlichen Qualifikationen zu erweitern, ergibt sich aus dem höchst dynamischen Zustand der systemischen Aufstellungsarbeit, die, verglichen zur Anfangszeit, komplexer und differenzierter geworden ist. Wir sind auf unserem Weg ja noch ganz am Anfang, kein Jahr vergeht ohne eine Fülle neuer Einsichten, Reflexionen und Entdeckungen. Wir sind mit der Entwicklung einer sehr jungen Kunst betraut, die allen anträgt, die sie formen und die durch sie geformt werden wollen, Forscher, Entdecker und Entwickler zu werden.
    Es sind die hierbei erforderlichen Fähigkeiten und Eigenschaften ebenfalls nicht kurzfristig anlernbar, nicht durch "Workshopping" zu erwerben.

    Aus dem Einklang von Persönlichkeit und Prozess erwächst das Gespür für gleichgewichtiges Handeln, um einerseits mit Entdeckerfreude kreative Interventionen zu wagen und anderseits, nur mit großer Selbstdisziplin, mit Respekt und Verantwortlichkeit zu experimentieren.

Zur Qualifikation der Lehrenden

Bert Hellinger selbst ist natürlich das beste Beispiel für einen Aufsteller, der die skizzierten persönlich Eigenschaften repräsentiert und zu einem signifikanten Bestandteil seiner Methode gemacht hat. Mir scheint allerdings, dass er diesen ganz wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit, in seinen bislang geäußerten Ansichten zur Lehre und zur Lehrbarkeit seiner Arbeit, unberücksichtigt gelassen hat. Was wäre seine Arbeit ohne diese Tugenden? Wie könnte er ohne sie so kraftvoll, furchterregend streng, liebevoll, so durchschlagend wirksam arbeiten?

Natürlich können wir nicht alle Hellinger werden und in jahrelangem Training Charakterbildung betreiben, oder doch?

Ein bisschen Hellinger werden, kann, meine ich, nicht schaden; mir hat nachahmendes (mimetisches) Lernen geholfen, Klarheit, Mut, Würde und Kraft in mir zu spüren und dadurch meine eigenen entsprechenden Potentiale zu mobilisieren. Wer eingenommen ist in die Hellingersche Seelenarbeit und sich ihrer Tiefe stellt, ist unweigerlich mit seiner Charakter- und Persönlichkeitsbildung beauftragt.

Es ist mir vor Aufnahme in mein Training wichtig zu klären, ob die Bewerberin oder der Bewerber mit meiner Person und meiner Art in der Arbeit zu sein, irgendwie zusammenschwingt oder nicht; daher verlange ich, dass vor Beginn eines Trainings mindestens zwei von mir geleitete Workshops besucht werden.

Diese Übereinstimmung zwischen Trainee und Trainer ist für das Gelingen des mimetischen Lernens von Bedeutung. Denn mimetisches Lernen bezeichnet hier ein nachahmendes Lernverhalten, das nicht lediglich schauspielerisch imitiert , sondern sich vollzieht indem der/die Trainee sich mit der Art und Weise der Arbeit des Lehrenden identifiziert, für eine Weile die lehrende Person quasi inkorporiert, diese, in den hier bedeutsamen Aspekten, geradezu wird.

Das in sich Aufnehmen von Verhalten des Lehrenden, welches gleichsam mit persönlichen Qualitäten geladen ist, die den therapeutischen Prozess durchwirken, setzt eigene Anlagen gleicher Art resonierend in Schwingung. Ihre Qualitäten und ihre Kraft werden als eigene gespürt und können in funktionellem Zusammenhang zugleich in ihrer Wirkung erprobt werden.

Die besondere Qualifikation der Lehrenden besteht dabei in der Fähigkeit, solche mimetischen Prozesse zuzulassen und ihnen zugleich entgegenzuarbeiten. Hilfe zur Identifizierung kommt aus der Exzellenz der Arbeit des Lehrenden, der als Praktizierender Vorbild ist. Hilfe zur Entidentifizierung kommt durch die Offenlegung eigener Unsicherheiten, Schwierigkeiten, der Mitteilung ungelöster Fragen und Markieren persönlicher Begrenzungen, durch Teilnahme der Trainees an Veranstaltungen bei anderen Aufstellern und Aufstellerinnen (als Teil des Ausbildungskonzepts) und besonders durch das Benennen und Verstärken ganz eigener Fähigkeiten der Trainees.

Das Aufspüren, Würdigen und Verstärken jener besonderen, bislang un(an)erkannten Potentiale, ist neben dem mimetischen Lernen das zweite Kernstück der Lehre zur Kunst des Aufstellens. Hier vor allem entscheidet sich, ob Trainer und Trainerinnen nur gute Aufsteller oder auch gute Lehrer sind. Eine Unterscheidung die im küstlerischen Bereich viel zu selten gemacht wird, es herrscht dort eine eigenartige Blindheit gegen die Tatsache vor, dass ein guter Künstler noch lange kein guter Vermittler seiner Kunst sein muss. Diese Blindheit sollten wir in unserem Feld vermeiden.

Unlängst las ich in der Ankündigung eines Aufsteller-Trainings, der Anbieter habe schon über tausend Aufstellungen gemacht und hätte demnach Erfahrungen genug, jetzt auszubilden. Ich hätte darüber hinaus gerne gelesen, dass er über viele Jahre Erfahrungen gesammelt habe in anderen Formen humanistischer Therapie, vorzugsweise in solchen, die mit Charaktertransformation befasst sind, oder wenigstens über umfassende Erfahrungen in der Bildungsarbeit verfüge.

Die Voraussetzungen, die Albrecht Mahr in seiner obengenannten Rede für die Familienaufsteller forderte, sollten tendenziell wenigstens für die Lehrenden gelten.
Die Fähigkeit der Ausbildenden zur Wahrnehmung von Potentialen in den Lernenden ist für deren Entwicklung um so wirksamer, je unterschiedener diese von den spezifischen eigenen Qualitäten der Lehrenden sind. Der Versuch, Vorbilder gleichsam zu verdoppeln bringt nicht das ganz Eigene und Besondere hervor. Dies vermag nur satt genährt zu werden aus dem, was die lebendige Persönlichkeit des Studierenden schon ist.
Zu den Potentialen der Lernenden, von denen die Rede ist, gehört aber nicht nur das Verborgene, sondern auch das, was zunächst ganz offensichtlich auf dem Wege zur (Künstler-)Aufstellerpersönlichkeit als ein charakterliches Hindernis erscheint. Es bedarf meist einer Reihe diffiziler Operationen, bis dieses erkannt und akzeptiert ist und sich als eine Ressource anverwandeln lässt.

Es gibt reichlich Anhaltspunkte dafür, dass systemische Verstrickungen gewichtige Anteile in individuelle Charakterbildungsprozesse einbringen. (11) Ein kontinuierliches Training bietet die Möglichkeit, diese Ebenen zu berühren und dann umgekehrt aus systemischen Dynamiken prozessbezogene Fähigkeiten zu entwickeln. Diese liegen meist dort wo ein(e) Trainee "blinde Flecken" markiert.

Zum Beispiel fiel es einem Teilnehmer nach längerer Zeit in der Ausbildungsgruppe sichtlich schwer, die von Hellinger gefundene Art des Umgangs mit Schuld zu verstehen. Als dieses Phänomen wieder und wieder auftrat, schlug ich vor, eine Aufstellung zu machen, denn das Phänomen ragte aus seinem sonstigen Verhalten deutlich heraus, hatte den Charakter eines Symptoms. Es dauerte wiederum einige Zeit bis er sich an die Aufstellung wagte. Was ans Licht kam, war eine schwere Schulddynamik in der Elterngeneration, die restlos verdeckt gewesen war.

Wenn eine innere Lösung aus einer tiefen Verstrickung herangereift ist, kann daraus der sich entwickelnden Aufstellerpersönlichkeit eine besondere Kompetenz zuwachsen. In dem geschilderten Beispiel mag eine Art Spezialistentum für Schulddynamiken entstehen, diese werden dann geradezu gerochen. Derartige "blinde Flecken" bei Aufstellern und Aufstellerinnen, die sich in eine Qualität zu verwandeln vermögen, können anderseits, wenn sie unentdeckt bleiben, ein dauerndes Lösungshindernis und eine Quelle für Widerstandsverwicklungen darstellen.

Zur Dauer und Struktur eines Trainings

Die hier skizzierten Prozesse entfalten sich wie gesagt nicht in "Crash-Kursen", sondern bedürfen der Reifezeit und einer längeren Zeit der kontinuierlichen Beziehungen zu einem Lehrer oder einer Lehrerin. Andernfalls ist weder ein günstiger Prozess mimetischen Lernens noch Wandeln und Wachsen an charakterstrukturellen Hindernissen oder systemischen blinden Flecken möglich.

Ein solches Konzept muss, um seine volle Kraft als ein Training zu entfalten, nach einer kürzeren Zeit des Basislernens eigene Praxiserfahrungen mit Supervision einschließen, außerdem das Lernen von anderen Aufstellern und Aufstellerinnen. Dies sollte geschehen, ohne die Kontinuität des Ausbildungsgangs mit dem gewählten Trainer oder der Trainerin und der Ausbildungsgruppe zu unterbrechen, die externen Erfahrungen und ihre Rückwirkung auf die internen können so gemeinsam reflektiert werden.

Als geringst mögliche Dauer eines anspruchsvollen Basis-Trainings würde ich 2 Jahre einschätzen mit einer Vorphase (Trainer kennenlernen) und einer Einführungsphase, einer Seminarzeit von mindestens 6 Seminaren von 6 Tagen Dauer mit dazwischengeschalteten (selbstorganisierten) Studiengruppen. Besser erscheint mir allerdings 40-50 Tage in Seminaren mit unterschiedlichen Formen und -Formaten.

Die Binnenstruktur eines solchen Trainings sollte so gestaltet sein, dass sie den Lernenden soviel Gestaltungsspielraum wie möglich und soviel Halt und Orientierung wie nötig bietet, und vor allem ein komplexes Angebot an Praxiserfahrungen bereitstellt.

Es sollten in ihr folgende Prinzipien des Lernens zur Wirkung kommen:

  1. Exemplarisches Lernen
    Das Training sollte Veranstaltungen beinhalten, in denen (von den Lehrenden) über die Gruppe der Trainees hinaus(!) mit normalen Patienten/Klienten gearbeitet wird. Auf diese Weise können Erfahrungen mit einer großen Palette von Themen und Fällen, mit Menschen unterschiedlichster Sprachverwendung und Weltverarbeitung gesammelt werden, kurz mit der ganzen sozialen Bandbreite eines Klientels. Auf diese Weise besteht auch größte Aussicht für die Trainees selbst, in Resonanz zu kommen mit den vollkommen verdeckten, den "unmöglichen"Verwicklungen in ihren Systemen. Lange noch, nachdem für die, in bewussteren Schichten liegenden, Verstrickungen gute Lösungen gefunden wurden, führen solche Resonanzphänomene, die wiederkehrend bei bestimmten Themen während der Arbeit mit anderen Klienten auftreten, zu tiefer liegenden Dynamiken.

  2. Mimetisches Lernen
    Diese Art des Lernen dient, wie beschrieben, vor allem dazu, die Schwingungen fundamentaler Eigenschaften wie Mut, Vertrauen, Würde, Unbestechlichkeit (…) in sich aufzunehmen und zu verstärken, da diese ganz wesentlich auch methodischer Bestandteil phänomenologisch-systemischer Arbeit sind.

  3. Praktizierendes Lernen
    Praktische Aufstellungsversuche im Kreise der Trainees ermutigen in der Regel zu weitergreifender Praxis. Zudem helfen sie den Lehrenden zu erkennen, welche spezifischen Potentiale in der Persönlichkeit entfaltet werden könnten.

  4. Körperzentriertes Lernen
    Wahrnehmung ist eine zentrale Kategorie phänomenologisch -systemischen Arbeitens. Ihr vorzüglichstes Instument ist der Körper.
    Der Umgang mit der Körpersprache der Klienten und Stellvertreter, das informative Nutzen, Verstärken oder Überwinden dargebotener (emotionaler) Haltungen, Bewegungen sowie von Atem- und Muskelrestiktionen gelingt am besten, wenn der eigene Körper der Aufsteller diese Haltungen von innen kennt oder sich unverzüglich in diese einfühlen kann.

    Der eigene Körper dient als differenziertes und differenzierendes Organ im Dienst der Aufstellungsarbeit zur Unterscheidung der eigenen Emotionen und körperlichen Empfindungen von solchen, die durch das Feld induziert werden. Außerdem dient er zur Wahrnehmung eigener Körperreaktionen auf Klienten, auch dazu, sich bewußt in Resonanz zu begeben mit aufgefangenen Schwingungen und dazu, Stimmungen und das Energieniveau der Gruppe zu fühlen, und nicht zuletzt zum Einfühlen in die Wirkung von Sätzen der Kraft.

  5. Problem- und lösungsorientiertes soziales Lernen
    Hier gilt es, wie mir scheint, einen bedeutenden Bestandteil von Ausbildung anzusprechen. Es muss Raum sein für die Diskussion von Unsicherheiten, Hinterfragungen, ungeklärte Methodik und unscharfe theoretische Grundlagen, Ideologien und das Aufstellerverhalten sowie die Möglichkeit der Verständigung auf Tragfähiges.

    Es war schon auffallend, wieviel Murren, Verwirrung, Kritik und Unverständnis oft auf den großen Veranstaltungen Bert Hellingers in den Pausen und nach den Veranstaltungen geäußert wurden, und wie wenig Raum in den Veranstaltungen selbst dafür war beziehungsweise genommen wurde. Einen diesbezüglich vorläufigen Höhepunkt in "Hinnehmehaltung-Einüben" erlebte ich auf der letzten Konferenz in Würzburg, die das Wort Konfliktfelder sogar im Titel trug.

    An dieser Stelle von Ausbildung, im zweifelnden Ringen, nachfolgender Einsicht und Enstehen neuer Fragen findet Grundlegung statt für die Fähigkeit, unsere Arbeit in guter Weise weiterzuentwickeln.

  6. Forschendes Lernen
    Trainees sollten selbständig oder in Studiengruppen aus der vorliegenden Literatur (einschließlich der audiovisuellen Dokumentationen) und eigener Praxis entstammenden Notizen, grundlegende Erfahrungen und Hintergründe sowie systemischen Interventionsmöglichkeiten zu bestimmten Themen wie Schuld und Sühne, Adoption, Tod und Sterben (…) erfassen und darstellen, sowie daraus noch offene Fragen und weiter zu erforschende Aufgabenstellungen entwickeln. Dies führt erfahrungsgemäß zu einem vertieften Verständnis der Inhalte. Ein weiteres Feld ist hier die Untersuchung anderer therapeutischer Ansätze und deren Beziehung zur phänomenologisch-systemischen Arbeit.

  7. Praxisbezogenes Lernen
    Lernen in einem solchen Training sollte aber im Prinzip nicht propädeutisch sein, also keine auf eventuelle spätere Verwendbarkeit angelegte Curricula und Lehrpläne abarbeiten. Diskussionen, Fragestellungen und Lerngegenstände sollen einen "Sitz im Leben" haben, den unmittelbar erfahrenen Arbeitsbezügen, dem persönlichen Betroffensein entstammen, den "Bewegungen der Seele" folgen. Überhaupt sind diese hier vorgelegten Überlegungen keine Fürsprache für die Verschulung und Pädagogisierung der Ausbildung.

    Mit dem Ausbilden ist es wohl so wie mit dem Aufstellen, die bloße Intuition reicht nicht aus, auf sie allein gestellt sind wir in Gefahr, beliebig und strukturlos zu werden, auf gesichertem Grund strukturellen Wissens aber können wir uns im praktischen Vollzug dem unmittelbar Erscheinenden stellen, ohne die Erfordernisse des ganzen Trainings aus den Augen zu verlieren.

  8. Operatives Lernen
    Der beste Lernraum ist der Ernstfall, genauer gesagt, die Trainees sollten nach einer Zeit der Aneignung des Basiswissens, in eigener Verantwortung und außerhalb der Trainingsveranstaltungen mit dem Aufstellen beginnen, mit den Anliegen realer Klienten. Hier kann gehandelt, reflektiert, gelernt werden an der Schnittstelle phänomenologischer Präsenz und Aneignung strukturellen Wissens. Die Trainingsgruppe muss sich auf diese Weise, neben ihren anderen Aufgaben auch zu einer Supervisionsgruppe entwickeln und die selbstgeleiteten Studiengruppen können sich allmählich zu Intervisionsgruppen wandeln.

Es mag bei der Lektüre meiner Ausführungen der Eindruck entstanden sein, dass ich eigentlich der Ausbildung als einer Art Langzeittherapie das Wort rede. Ich halte in der Tat innerhalb einer intensiven Ausbildung therapeutische Elemente für unvermeidlich und sogar für erwünscht, habe allerdings gegen deren Ausuferung strukturelle Begrenzungen eingebaut. Die Organisation meines Trainings als ein Modulsystem sorgt für wechselnde Zusammensetzungen der Ausbildungsseminare und bremst damit ausufernde gruppendynamische Prozesse ebenso wie Seminare, in die reguläre Klienten und Klientinnen einbezogen sind.

Soweit es den Anteil der Arbeit betrifft, den wir der Therapie zuordnen können, ist, wie wir wissen, die Ansicht phänomenologisch-systemische Arbeit sei eine der ultimativen Kurzzeittherapien sehr begründet. Ein Teil der Wirksamkeit als Kurzeittherapie verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass der Prozess auf einem hohen ("Energie"-)Niveau abgebrochen wird und Aufsteller sich zurückziehen, nachdem Lösung aufblitzte. Der länger währende Umgang mit denselben Menschen steht dieser Haltung zunächst im Wege.

Allerdings beweist mir der regelmäßige Umgang mit den Trainees über einen längeren Zeitraum gerade, wie auch das periodische Wiederkehren von Klienten, und letztlich meine eigene Aufstellungsgeschichte, dass die Verstrickungen komplexer Natur sind und oft viele Schichten aufeinander liegen.

Das hier Not-wendige ist, die Segmente, für die Lösungen gefunden wurden, unberührt in Wirkung zu lassen und die noch belasteten dennoch weiter zu bearbeiten. Das erfordert sensibles Vorgehen, und kann in einem solchen Training zugleich Gegenstand des Lernens werden, ein weiteres Element also auf dem Weg zur Kunst des Aufstellens. Vor diesem Hintergrund sollte klar werden, dass auch die Lehrer einen Platz haben müssen, an dem sie für sich als Angehörige ihres eigenen Systems weiterarbeiten können.

Der alte Satz, dass wir die Klienten nur so weit zu begleiten vermögen, wie wir selber gekommen sind, gilt auch im systemischen Zusammenhang.

Anmerkungen

  1. Bertold Ulsamer, Das Handwerk des Familienstellens, München, 2001, S.15 : "Die Kunst und die Tiefe lassen sich dabei nicht lernen, das Handwerk schon. Und über den wenigen genialen Künstlern, die eigenständig Neuland erobern, braucht die große Zahl der Kunsthandwerker nicht vergessen zu werden."
  2. Ich habe sieben Jahre lang an einer Kunsthochschule studiert und (bildende) Kunst gelernt und später viele Jahre lang gelehrt.
  3. Matthias Varga von Kibed, Wie wir durch Aufstellungen Handlungen einladen, sich in uns zu manifestieren, in : Weber (Hrsg.), Derselbe Wind lässt viele Drachen steigen, Heidelberg, 2001, S. 43
  4. Joesph Beuys:"Aber die Prioritäten sind klar. Die Kunst im sozialen Bereich halte ich nach wie vor für das aüßerste, was sich entwickelt hat." , Interview, 1981, Götz Adriani u.a.,Beuys, Köln, S. 366
  5. ebenda S. 110
  6. Ulsamer, a.a.O., S. 15
  7. Dies war bei den aus Amerika stammenden Happenings der Fall, nicht aber bei den Beuysschen Fluxus Aktionen.
  8. Hätte ich an dem idealistischen Glauben gehangen, künstlerische Begabung fiele gleichsam vom Himmel, hätte ich mich in eine Ausbildung an einer Kunshochschule nicht gewagt. Es gibt zweifellos vorteilhaftere oder weniger vorteilhafte Voraussetzungen mit denen jemand einen solchen Bildungsprozess beginnt. Nach meinen Erfahrungen erweisen sich solche Vorgaben aber in längerer Sicht meist als Vorurteile, die keinen Bestand vor dem haben, was künstlerische Arbeit wirklich fordert. Kein Wunder also, dass wir gerade in künstlerischen Feldern entdecken, dass die Förderung der künstlerischen Persönlichkeit, der Entwicklung eines individuellen künstlerischen Konzepts, einer eigenen künstlerischen Sprache, einer persönlichen "Handschrift" auf vielfältige Weise Gegenstand lehrenden und lernenden Bemühens ist.
  9. Ulsamer,a.a.O., S.14
  10. Alle aus einer handwerklich orientierten Vorerfahrung kommenden Kunststudenten (kunsthandwerkliche Lehren oder Fachgymnasien für Gestaltung habe ich im Studium in hellsten Schwierigkeiten erlebt, ihr Halt im Wissen, geübtem Können und (Regel-)
    Anwendung brach ein.
    Wer Therapie als ein solides Handwerk betrieben hat, ist für die Kunst der Aufstellungsarbeit AnfängerIn, sie wird ihr oder ihm ganz anderes als das Gewohnte abverlangen. Ich erinnere mich, wieviel meiner gewohnten Bestände aus den Reichianischen Körpertherapien, der Gestalt- und Kunsttherapie ich loslassen, umwerten und transformieren musste , als ich begann, meine Arbeit von der phänomenologisch-systemischen Aufstellungsarbeit tragen zu lassen.
  11. Aufsatz in Vorbereitung: Heinz Stark, Hellinger meets Reich, voraussichtlich in der Zeitschrift Aufstellung.

 
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