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Weiterbildung - Das Nicht-Wissen lehren

Überlegungen von Wilfried Nelles (Juli 2003)

Die Frage der Weiterbildung nimmt unter den Aufstellern einen immer größeren Raum ein. Fast jeder halbwegs renommierte Aufsteller bildet auch weiter, es gibt Arbeitsgruppen, die sich Gedanken um eine gute Weiterbildung machen, und Bücher, Videos und Artikel, die eigene Ansätze vorstellen. Die Angebote könnten unterschiedlicher kaum sein, sie reichen von detaillierten Lehrplänen mit einem oder mehreren Dozenten bis zu den Schulungskursen Bert Hellingers, in denen er einfach nur zeigt, wie er jetzt arbeitet, und dies ein wenig erläutert. Während Bert Hellinger auf Wissensvermittlung im Sinne klassischen Lernens kaum Wert zu legen scheint, meinen viele andere, dass es zunächst eines soliden Sachwissens bedarf, bevor jemand sich ans Aufstellen wagen kann. Nach dem Motto: Zuerst kommt die Pflicht, und dann erst die Kür.

Ich möchte hier einige Gründe für einen nicht-schulischen, nicht-formalisierten, inhaltlich und methodisch-didaktisch offenen und freien Weiterbildungsansatz anführen. Dabei möchte ich, um Missverständnissen vorzubeugen, vorausschicken, dass ich jede Art des Wissens und der Erfahrung schätze. Ich plädiere allerdings dafür, nicht in alte Formen der Wissensvermittlung und einseitiger Wissenslastigkeit zurückzufallen. Vielleicht ist dies auch gar keine Differenz in der Sache, sondern in erster Linie eine Frage der Form des Lernens und Lehrens, und eine Frage der Form oder Art des Wissens, das wir in einer Aufstellung brauchen. Es war ja lange eine offene Frage, ob man die Aufstellungsarbeit überhaupt lehren kann, ist sie doch mehr eine Frage der rechten Haltung als eine theoretischen und methodischen Wissens. Und wie kann man "Haltung" lehren und lernen?

Wenn wir zurück schauen, so sehen wir, dass diejenigen, die die Aufstellungsarbeit heute in der ersten Reihe praktizieren und lehren, keine Weiterbildung absolviert haben. Viele der besten Aufsteller haben es also nicht "richtig", sprich: in einem formalen Lernprozess, gelernt. Sie haben bei Bert Hellinger (oder einem seiner frühen Schüler) zugeschaut, sind dabei gewesen, haben sich im Aufstellungsfeld bewegt und bewegen lassen, Fragen gestellt (und manchmal Antworten bekommen, oft aber auch nicht, so dass sie selbst suchen mussten), sich in Frage stellen lassen, kurz: sich der Kraft ausgesetzt, die in diesem Feld wirkt. So haben sie gelernt, und dann haben sie angefangen aufzustellen, und dann fing das Lernen erst richtig an. Und jetzt lehren sie, und das Lernen hat - hoffentlich - noch nicht aufgehört.

Kann man diese Art des Lernens auch den heutigen Lernwilligen noch zumuten? Viele meinen offenbar: nein, denn sonst gäbe es nicht so viele Curricula, die fast wie schulische Lehrpläne aussehen, und so viele Klassen, in denen wie in einer Schule (wenn auch etwas praxisnäher) gelernt wird. Ich meine: ja, ich meine, diese eher beiläufige, erfahrungsorientierte, offene, unstrukturierte und fließende Art des Lernens und Lehrens ist nach wie vor die, die der Aufstellungsarbeit am gemäßesten ist. Wir müssen die Lernenden nicht wieder auf die Schulbank setzen.

Ich habe ein Bild für lebendiges Lernen: Es folgt dem Weg des Wassers. Wenn das Wasser vom Himmel auf die Erde fällt, ist es energetisch leer und enthält keine Mineralien, sondern ist stattdessen - zumindest in unseren Breiten - durch vieles, was es in der Luft aufgenommen hat, verschmutzt. Regenwasser zu sammeln und zu trinken ist nicht gerade gesund. Lässt man das Wasser hingegen in die Erde sinken, so durchläuft es viele Schichten. Dabei wird es erstens gereinigt und nimmt zweitens Mineralien auf - es klärt sich und tankt die Kraft der Erde. So wird es zu reinem, kräftigen Grund- und Quellwasser, das zu gegebener Zeit frisch und lebendig an die Oberfläche tritt.

Wer im schulischen Sinne lernt, sammelt Regenwasser. Er wartet und vertraut nicht, dass das Wissen von selbst in seine Seele und seinen Verstand sinkt und dann zu gegebener Zeit als frisches Wissen, das der jeweiligen Situation entspricht, an die Oberfläche tritt. Gerade dazu sollten wir die Lernenden jedoch ermutigen, denn diese Art des Wissens und dieser Umgang mit Wissen ist die Grundlage der phänomenologischen Haltung und des entsprechenden Arbeitens. Das, was man lernen und festhalten muss, weiß man nicht wirklich. Man hat es nicht wirklich verstanden, es ist nicht tief eingedrungen. Genau deshalb will man es ja auch festhalten, sich merken, aufschreiben und "lernen". Aber dieses Wissen ist leer und abgestanden, auch wenn man an der Oberfläche damit arbeiten und manchmal sehr Gutes bewirken kann (wie auch ein Pfütze Regenwasser einen Verdurstenden retten kann). Wenn man es jedoch sinken lässt und vergisst, kommt es dann als frische Quelle zum Vorschein, wenn man es braucht.

Dies braucht natürlich Abschied vom Gewohnten sowie Mut und Vertrauen. Aber wir handeln im Alltag ständig mit dieser Art von Wissen, wir tun ständig Dinge, die wir nie "richtig gelernt" haben. Beim Aufstellen arbeiten wir darüber hinaus aber auch noch mit einem Wissen, das überpersönlich ist, das niemand "hat", sondern das aus dem Verborgenen kommt und sich auch wieder dorthin zurückzieht. Die entscheidenden Hinweise kommen nämlich von den Stellvertretern, und die sind Unwissende. Sie wissen nichts über die Person, die sie vertreten, und doch zeigen sie das Wesentliche. Mehr noch: Es zeigt sich nicht, obwohl der Stellvertreter nichts weiß, sondern weil er nichts weiß. Das Nicht-Wissen ist die Grundlage dafür, dass sich ein anderes Wissen, das jenseits seiner Person liegt, durch ihn offenbaren kann. Das ist die Basis unserer Arbeit, Nicht-Wissen ist die Basis. In diesem leeren Raum kann sich dann ein anderes, viel weiteres Wissen manifestieren.

Dieses andere Wissen kann das persönliche Wissen des Stellvertreters, vor allem aber seine Vorstellungen, sein Denken und sein Weltbild, weit überschreiten. Oft versteht er deshalb auch nicht, was ihn bewegt und was er fühlt oder ausdrückt. Er kann es manchmal nicht in sein persönliches Verständnis einordnen, aber er fühlt dennoch eine Stimmigkeit, der er sich überlässt.

Das ist, wie gesagt, die Basis unserer Arbeit, auf die sich alle, die mit Stellvertretern arbeiten, einlassen. In der phänomenologischen Haltung ist genau dies aber auch die Situation und Haltung des Aufstellungsleiters. Der Unterschied ist nur, dass er, wenn er sich führen lässt, nicht eine einzelne Person repräsentiert, sondern dass er sich zum Wissen des Ganzen hin öffnet. Genau wie beim Stellvertreter kommt dann durch ihn ein Wissen zutage, das nicht sein persönliches ist, sondern dieses weit übersteigt. Auch er handelt also auf der Basis des Nicht-Wissens. Und auch bei ihm zeigt sich, wie beim Stellvertreter, dieses andere Wissen umso reiner, je mehr er in der Lage ist, sich dem Nicht-Wissen zu übergeben.

Ich habe in meinen Büchern "Liebe, die löst" und "Das Hellinger-Prinzip" an vielen Beispielen dargestellt, wie dieser Prozess bei mir abläuft. Genau dies erläutere ich den Teilnehmern meiner Weiterbildung immer wieder - an konkreten Beispielen, die sie im Kurs selbst miterlebt haben. Wer nicht nur bestimmte Formen, sondern den Geist Bert Hellingers, die Essenz seiner Arbeit, aufnehmen, anwenden und an normale Teilnehmer und Lernende weitergeben will, muss sich auf das Wagnis des Nicht-Wissens einlassen. Denn nur in diesem Raum begegnet uns die lebendige Welt, und nur aus diesem Raum heraus entstehen lebendige Lösungen.

Es ist natürlich die Frage, wie sich dies in ein Format für Weiterbildung umsetzen lässt. Bei mir hat sich im Laufe einiger Jahre inzwischen eine Form herausgebildet, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Weiterbildungsteilnehmer an offenen Seminaren teilnehmen und dann im Anschluss daran noch zwei Tage mit mir die Erfahrungen dieses Wochenendes besprechen. An diesen zwei Tagen benutze ich die Form der Rundenarbeit, wobei ich offen bin für alle Arten von Fragen - seien sie theoretischer oder persönlicher Natur. Ich deute also nicht jede theoretische, methodische oder philosophische Frage als persönliche, sondern antworte oft auch auf dieser Ebene. Denn wo es möglich ist, halte ich das Verstehen des Erlebten und das Nach-Denken darüber für wichtig. Denn der Verstand ist das Gefäß, in dem das Wissen eine Form bekommt. Wenn ich jedoch empfinde, dass eine philosophische Frage einen persönlichen Hintergrund hat, beantworte ich sie meist nicht. Dann ist vielleicht eine Aufstellung angemessen, vielleicht auch gar keine Handlung.

E gibt also kein Curriculum und nichts, was irgendwie an Schule erinnert. Die Lernenden schreiben nichts auf, und sie bekommen von mir auch keine Skripten. Es gibt keine Klassen (jeder bestimmt selbst, an welchem Kurs er teilnimmt, es gibt nur einen Zeitrahmen), so dass jeder Kurs anders zusammengesetzt ist. Es gibt auch keinen Stunden- und keinen Lehrplan. Wir sprechen über das, was am Wochenende aufgefallen ist oder gerade auftaucht - ganz entspannt in der Runde. Alles, was wichtig ist, taucht irgendwann im Laufe der 30 Weiterbildungstage auf, ohne dass ich etwas vorgeben muss. Und auf "Warum-Fragen" ("Warum hast du in jener Aufstellung dies gemacht oder gesagt") ist die häufigste Antwort: "Habe ich das gesagt? Ich weiß es nicht mehr, und ich habe es auch nicht gewusst, als ich es gesagt habe." Das ist keine Koketterie, ich weiß es wirklich meist nicht mehr. Aber ich spreche dann über das Nicht-Wissen und seine Bedeutung für die Arbeit. Ich kann aber das Nicht-Wissen nur in einem offenen Raum erfahren und lehren, das geht nicht mit einem Plan, noch nicht einmal mit einer Vorbereitung. Ich nehme Hellinger beim Wort: Ich arbeite aus der leeren Mitte heraus (so gut ich dies kann) und ich lehre die leere Mitte, indem wir sie praktizieren.

Die klare Ausrichtung dieser Weiterbildungskurse ist, bei den Lernenden den Mut zum Nicht-Wissen zu stärken. Sie haben ihn alle, sonst würden sie sich nicht für die Arbeit interessieren. Aber diese Haltung ist in unserer Kultur verschüttet oder sogar verpönt, daher braucht sie Ermutigung. Ich selbst habe die Kraft dieser Haltung schon lange vor meiner Begegnung mit Bert Hellinger entdeckt, aber durch ihn eine große Ermutigung und Stärkung erfahren, die ich gerne weitergebe.

Manche fürchten, dass dies nicht reicht, dass man bestimmte Dinge "richtig" lernen muss. Ich teile diese Befürchtung nicht. Das Wissen, das in uns ist, steht uns zur Verfügung, wenn und wie es die Situation erfordert, und das Wissen, das um uns herum ist (die große Seele, das "Wissensfeld"), trägt den Aufsteller genau so wie den Stellvertreter - Irrtum eingeschlossen. Wie dieser muss man nur ernsthaft und gesammelt sein. Die Dinge, die es aus dem mittlerweile reichen Erfahrungsschatz der Aufstellungsarbeit zu wissen gilt, lernt man dann mehr oder weniger nebenbei. Man beobachtet Aufstellungen, erlebt sie als Stellvertreter, man nimmt die Arbeit des Lehrers in sich auf, indem man ihm zuschaut und zuhört, man liest, tauscht sich mit anderen aus und lässt dies alles, ohne es festhalten zu wollen, in sich einsinken. Und dann stellt man eines Tages fest, dass man es selbst kann (so weit, dass man bereit ist anzufangen), oder dass es nicht der Weg ist. Und dann tut oder lässt man es. So haben die "Alten" gelernt, und so können es auch die "Neuen".

Literaturhinweis

Zum Thema ist im Juli 2003 das neue Buch von Wilfried Nelles erschienen:

Das Hellinger-Prinzip - Informationen und Klärungen


 
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