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Trauer
und Versöhnung, Opfer und Täter Über Bert Hellingers Dienst an der Versöhnung Frieden, was heißt das? Gabriele Heise im Gespräch mit Bert Hellinger Zu den Anschlägen vom 11. September 2001 Warum ich? Zum Seilbahnunglück von Kaprun |
Fragen an Bert Hellinger zum Anschlag Ein Interview am 31.Oktober 2001 für das Virtuelle Bert Hellinger Institut von Hans-Joachim Reinecke Das Gespräch fand statt nach der Rückkehr Bert Hellingers von seiner Herbst-Reise 2001 mit internationalen Workshops in Russland, Japan, Taiwan und den USA. Die wichtigsten angesprochenen Themen
REINECKE Deine Arbeit konzentriert sich in letzter Zeit stark auf Ausgleich und Versöhnung. Du hast dabei oft darauf hingewiesen, dass es bei diesem Werk nicht nur im Familiengeschehen, sondern gerade auch bei der Lösung nationaler oder ideologischer Konflikte immer wieder auf die ernsthafte und friedliche Begegnung der Einzelnen ankommt. Nun gibt es sicherlich wichtige äußere Geschehnisse, durch welche die Möglichkeiten solcher Begegnungen stark beeinflusst werden. So wurdest Du gerade erst Ende August in einem Interview gefragt, ob die Änderung großer und konfliktträchtiger Glaubenssätze zum Guten, etwa auf internationaler Ebene, auch durch Katastrophen eingeleitet werden kann. Ich meine, die weltweiten Reaktionen zeigen, dass die Terroranschläge des 11. Septembers und ihre Folgen mit Fug und Recht als eine solche weltbewegende Katastrophe bezeichnet werden können. Was glaubst Du, sind die Chancen und Hoffnungen, die sich daraus letztlich für ein friedliches Zusammenleben der Völker und Menschen unserer Welt ergeben? Und: Ist eine solche Frage angesichts der vielen tausend Opfer sowohl des Anschlags als auch der folgenden, noch andauernden Geschehnisse überhaupt erlaubt? HELLINGER Wenn ich mir das anhöre, dann sehe ich, dass ich da auf ein Feld geführt werde, wo ich mich zu großen Dingen äußern soll, die eigentlich über meinen Horizont gehen. Ich werde daher auf andere Weise an dieses Problem herangehen, Schritt für Schritt, und werde beim Wesentlichen beginnen. Versöhnung beginnt in der eigenen Seele. Wem sie da gelungen ist, der kann dann von dort aus auch auf andere, auf größere Zusammenhänge Einfluss nehmen. In der eigenen Seele beginnt die Versöhnung bei den Eltern. Das scheint merkwürdig. Aber wir können beobachten, dass viele versuchen, sich von ihren Eltern abgrenzen, als könnten sie das. Denn dann müssen sie nicht anerkennen, dass wir alles Wesentliche von ihnen haben, ohne dass wir selbst etwas dazu tun konnten. In der Seele kann diese Versöhnung zum Beispiel so vor sich gehen: Man verneigt sich vor den Eltern, stellt sich vor, dass hinter ihnen ihre Eltern stehen und hinter ihren Eltern deren Eltern usw. Und dann schaut man auf diese Tausenden von Generationen, durch die das Leben fließt, bis es uns erreicht. Durch alle diese Generationen fließt es unbefleckt, uneingeschränkt. Es behält immer seine Fülle, unabhängig davon, wie die Einzelnen auch waren oder sind, die es empfangen und weitergegeben haben. Wer so auf seine Eltern sieht, der kann und muss ich sich tief vor ihnen verneigen. Und zugleich, indem wir uns vor ihnen verneigen, verneigen wir uns auch vor dem Geheimnis des Lebens. Dann wird unsere Zustimmung zum Leben so, wie es zu uns von unseren Eltern kommt, zu einem tief religiösen Akt, zum eigentlichen religiösen Akt. Wem das gelungen ist, der sieht und der muss anerkennen, dass jeder andere Menschen, aus welcher Kultur er auch stammt und was immer auch seine Religion ist oder seine Sprache oder seine Rasse, genau den gleichen Vollzug leisten muss, damit er zu seinen Eltern, zum Leben und zu sich finden kann. Obwohl alle diesen gleichen Akt vollziehen und vollziehen müssen, ist das Ergebnis insofern verschieden, weil sie aus verschiedenen Gruppen, verschiedenen Religionen verschiedenen Völkern und verschiedenen Kulturen kommen. Im diesem religiösen Akt sind sie miteinander verbunden und einander gleich. Im Ergebnis sind sie verschieden und voneinander getrennt. In der Seele geht nun der Weg auf Versöhnung hin weiter mit einem nächsten Schritt. Ich muss anerkennen, dass jeder andere im Wesentlichen mir gleich ist, gleich in der ihm abverlangten Zustimmung zum allen gemeinsamen Leben und zu den je besonderen Eltern. Ich muss anerkennen, dass es in diesem grundlegenden Vollzug keine Unterschiede gibt, auch keine Wahlmöglichkeit und dass die Ergebnisse, die sich aus den besonderen Umständen von Rasse, Schicksal und Kultur der verschiedenen Gruppen und Völker untergeordneter Natur sind. Erst dann bin ich bereit und fähig, anderen Menschen als ebenbürtig zu begegnen, obwohl sie vielleicht in vieler Hinsicht von mir verschieden sind. Also, das wäre der Weg, auf dem ich innerlich fähig werde, einem Anderen, der anders ist, mit Achtung zu begegnen und ihn als ebenbürtig anzuerkennen. REINECKE Der Zusammenhang mit der möglichen besonderen Funktion der Katastrophe ist mir jetzt noch nicht ganz klar geworden. Können die Ereignisse des 11. Septembers dazu beitragen, diesen Prozess der Versöhnung voranzutreiben? HELLINGER Die Schlussfolgerung aus dem, was ich gesagt habe, wäre, dass man diese sogenannten Terroristen genauso als Eingebundene in ihr System sieht, wie wir das in uns mit Bezug auf unser System erfahren. Und dass wir anerkennen, dass sie in dem, was sie tun, auf ihre Weise religiös sind, zutiefst religiös, auch wenn sich ihr Handeln gegen uns richtet. Daher sind sie auch auf ihre Weise gewissenhaft. REINECKE Religiös auch in einem weitaus tieferen Sinne, als es etwa in den Selbstzeugnissen der Attentäter aufscheint? HELLINGER Ja, - und so lautet meine nächste Schlussfolgerung: Wenn beide sich unausweichlich eingebunden wissen in das System, dem sie angehören, dann sind sie in dem, was sie anstreben religiös. Also jene, die gegen diese Terroristen sind und sie bekämpfen wollen, und die, die hinter diesen Terroristen stehen und ihren Kampf unterstützen. Beide sind religiös auf ihre Weise. Um noch tiefer zu gehen und zu einem Verständnis in der Seele zu kommen, das auch hier Versöhnung anbahnt, müssen wir Abschied nehmen von unserer gewohnten Unterscheidung von Gut und Böse und wir müssen Abschied nehmen von einem Bild von Gott, das ihn vereinnahmt für die Interessen unserer eigenen Gruppe und das ihn in gleicher Weise als Feind der anderen Gruppe sieht, die wir meinen bekämpfen zu müssen. Dann müsste man anerkennen, dass beide, die einen wie die anderen, obwohl sie vordergründig ganz Entgegengesetztes wollen und tun, von einer sie übergreifenden größeren Macht gesteuert werden, vor der beide sich verneigen müssen, weil sie für sie nur Werkzeuge für andere Ziele sind. Erst mit dieser Einsicht und in dieser Haltung kann man sich einer solchen Katastrophe auf eine Weise stellen, die auf lange Sicht dem Frieden, dem Fortschritt und der Versöhnung dient. Dann haben wir sowohl die Opfer und ihre Angehörigen im Blick und können mit ihnen um sie trauern und ihr Leid mittragen als Mitfühlende - und zugleich können wir auch diese Angreifer als Opfer sehen, die sich in etwas anderes eingebunden erfuhren, die auch aus ihrer Sicht auch etwas Gutes bewirken wollten, aber zu Mitteln gegriffen haben, die viele Unschuldige in den Tod rissen. Wenn man das sieht und anerkennt, hört unser übliche Unterscheidung von Guten und Bösen auf. Wenn man dieses Ereignis in diesem Sinne auf sich wirken lässt, sieht man, dass es als Ganzes, so schrecklich es auch war, in den vielen Seelen eine Veränderung zum besseren bewirkt hat. Es führt zum Beispiel zu größeren Vorsicht im Umgang mit anderen, zu mehr Bescheidenheit, zur Anerkennung, dass wir auf viele andere angewiesen ist, über deren berechtigte Anliegen wir uns vielleicht vorher hinweggesetzt haben. Insofern hat dieses Ereignis vielleicht eine weltumspannende, besondere Wirkung. So eine Wirkung kann von meiner Sicht her niemals von einem Einzelnen
ausgehen. Sie kann nur einer größeren Kraft zugeschrieben werden,
die alles, auch dieses Ereignis steuert und die die Einzelnen nur als
Instrumente benutzt, die einen als Opfer, die anderen als Täter. Ich habe sie die Augen schließen lassen und ihnen vorgeschlagen: "Stellt euch vor, ihr geht mit mir ins Reich der Toten. - Dort schauen wir auf diese Toten, sowohl auf die Opfer, als auch auf ihre Mörder, auf beide. - Sie liegen beieinander, wenden sie sich einander zu und schauen sich an von Mensch zu Mensch. - Die Opfer schauen auf ihre Mörder, und die Mörder schauen auf ihre Opfer, bis sie erkennen, dass auch die anderen Menschen sind wie sie. - Die Mörder öffnen ihre Herz für ihre Opfer, und die Opfer öffnen ihre Herz für ihre Mörder. - Dann wenden sie sich zusammen dem Horizont zu und verneigen sich vor etwas Größerem, das dort zwar aufscheint aber doch verborgen bleibt. - Sie werden inne, dass sie alle in der Hand von Kräften sind, die über sie hinausreichen. Beide erkennen, dass sie eingebunden sind in etwas Größerem, dem sie völlig ausgeliefert sind, jenseits ihrer Absichten oder ihrer Ängste oder ihrer Hoffnungen oder ihrer Pläne. Wir können uns vorstellen, dass auch die Familien der Opfer und
der Täter auf diesen Horizont schauen und sich vor dem Geheimnis
dort verneigen, sich ihm überlassen und ihm sich anvertrauen. - Und
dass auch wir uns mit ihnen vor diesem Geheimnis verneigen. REINECKE Aktuelle Umfragen in den westeuropäischen Ländern lassen vermuten, dass sich ein wachsender Anteil der Bevölkerung gegen das anhaltende Bombardement Afghanistans ausspricht. Kritiker werten das als kurzsichtige Einstellung, die aus Eigennutz heute schon vergisst, was gestern noch so wichtig schien, sobald die unmittelbare Bedrohung vorbei ist. Ist diese Kritik berechtigt? HELLINGER Ich sage einfach, dass wir tief in der Seele Mitmenschen sind, und dass wir sowohl die einen Opfer beklagen als auch die anderen. Wir fühlen uns als Menschen mit beiden verbunden. Das ist eine menschliche Regung. Sie ist die eigentliche Voraussetzung für Versöhnung. Insofern halte ich das für eine wichtige Bewegung. Sie wirkt dämpfend auf jene, die meinen, mit überheblichen Vorgaben oder überheblicher Taktik im Sinne von "Wir besiegen die und rotten sie aus." Sie werden damit in ihre Schranken verwiesen. Insofern hat diese Gegenbewegung in den Seelen eine heilsame Wirkung. Gleichzeitig muss man sehen, dass auch die anderen in Ihre Schranken verwiesen werden müssen. Es ist für viele schwer einzusehen, dass oft erst Ohnmacht Frieden stiftet. REINECKE In einer ganzen Reihe von Aufstellungen hast Du, wenn es im Sinne des Klienten angebracht war, auch ganze Nationen durch einzelne Stellvertreter darstellen lassen. Dabei trat oft zu Tage, wie sehr es selbst zutiefst befeindete Länder nach Versöhnung drängt. Die Versuchung liegt doch nahe, solche Nationalkonflikte, ja selbst die gegenwärtige internationale Terrorismuskrise, mit dem auf individueller Ebene so effektiven Instrument der Familienaufstellung lösen zu wollen? HELLINGER Wenn man das versuchen würde, wäre das aus meiner Sicht anmaßend. Was passiert bei Aufstellungen, in denen man auch Nationen aufstellt? Nationen werden von mir fast nur im Zusammenhang mit einer Einzelperson aufgestellt, zum Beispiel bei jemand, der aus einer Familie stammt, in der die Eltern aus verschiedenen Nationen oder Religionen oder Kulturen kommen. Wenn sich daraus Probleme ergeben, dann stellt man also für die Einzelnen auch die verschiedenen Herkunftsländer oder Religionen seiner Eltern auf. Das Ziel ist aber immer, in der Seele des Aufstellenden das, was sich entgegenstand, zu versöhnen, sodass er beides annehmen kann, beides in seinen Unterschieden anerkennt und beides auf einer höheren Ebene auch miteinander versöhnt. Manche haben nun die Vorstellung, dass eine solche Erfahrung und ein solches Bild, auch in den Seelen derer, die politische Verantwortung haben, wohltuend wirken könnte. Aber von da aus politisches Handeln abzuleiten zu wollen, ginge viel zu weit. Dazu sind die politischen Prozesse viel zu komplex und von soviel anderen Umständen abhängig, zum Beispiel von der Zustimmung der Bevölkerung oder großer Teile der Bevölkerung. Deswegen könnte erst, wenn in vielen Seelen so ein Prozess abgelaufen wäre, ein gewisser Druck auf die Politik ausgeübt werden, der politisches Handeln in dieser Richtung ermöglicht. Vorher kann ich mir das nicht vorstellen. REINECKE Kann das Familienstellen dann wenigstens zum besseren Verständnis von Großkonflikten beitragen? Und wenn ja, wer wäre fähig, zuzuhören? Ich denke da zum Beispiel an all die negativen Reaktionen auf die in Deutschland und anderswo geführte Debatte über eine mögliche gemeinsame Verstrickung des amerikanischen Präsidenten George W. Bush mit seinem großen Gegenspieler Osama bin Laden... HELLINGER Dass die Extreme sich berühren, ist eine altbekannte Beobachtung. Beide sind überzeugt, dass sie dem Guten dienen. Insofern gibt es eine Verbindung zwischen ihnen. Aber wenn die beiden nur auf sich schauen, hilft es wenig zu einer Lösung. Ich habe in den USA eine Aufstellung gemacht, ganz nebenbei. Als ich dort mit Krebskranken gearbeitet habe, zeigten sich Wege, wie Täter und Opfer sich versöhnen können und müssen, damit etwas zu Ende kommt. Danach habe ich gesagt: "Stellen wir mal den 11. September auf." Wir haben also zwei Personen einander gegenüber gestellt. Es war unklar, wer sie waren. In meiner Seele war der eine Präsident Bush oder Amerika und der andere Bin Laden oder seine Gruppe. Aber ich habe es nicht gesagt. Der Vertreter Amerikas hat auf den Boden geschaut, was beim Familien-Stellen
bedeutet, dass er auf einen Toten schaut. Daher habe ich einen Mann dazwischen
gelegt, der den Toten oder die Toten repräsentierte. Der Vertreter
Amerikas ist ganz langsam zu Boden gegangen und hat sich diesem Toten
zugewandt. Ab und zu hat er auch auf den Vertreter der Terroristen hinübergeschaut.
Der aber hat erst lange in die Ferne geschaut. Dann ist auch er ganz langsam
in die Knie gegangen und hat am Kopf des Toten vorbei seine Hand dem Vertreter
Amerikas gereicht. Erst wenn man gemeinsam trauert um das, was geschehen ist, ohne jede Schuldzuweisung, ohne Vorwürfe an die andere Seite; wenn man gemeinsam trauert um das, was man selbst erlitten hat, und auch um das, was man anderen angetan hat und dabei die Opfer auf beiden Seiten vor Augen hat, ist der Weg frei zum gegenseitigen Verständnis und zur Versöhnung. REINECKE Das leuchtet mir unmittelbar ein, und darum stelle ich noch einmal die Frage: Hätte diese Arbeit nicht eine ganz große Öffentlichkeit verdient? Wir leben doch im Zeitalter der Massenmedien. Wäre eine im Fernsehen übertragene Aufstellung der aktuellen Krise und ihrer Beteiligten nicht das ideale Mittel, um möglichst vielen Menschen auf schnellstem Wege einen Weg zu Frieden und Versöhnung zu zeigen, allen voran den politischen Entscheidungsträgern? HELLINGER Ja, schön wäre es. Aber so eine Aufstellung setzt natürlich ein Umfeld voraus, also eine innere Bereitschaft, sich für die tieferen Bewegungen der Seele zu öffnen. Sobald eine solche Aufstellung und eine solche Erfahrung benutzt wird zur Propaganda oder zur Beeinflussung einer großen Gruppe, kommt ein persönliches Interesse, ein persönlicher Machtanspruch ins Spiel, wenn auch vielleicht nur auf sehr verdeckte Weise, und das zerstört sofort jede Wirkung in der Tiefe der Seele. Dann wird das zum Spektakel und würde mit Recht abgelehnt. Diese Einsicht und eine solche Erfahrung muss ganz langsam in kleinen Gruppen wachsen. Erst wenn das viele Seelen erfasst hat, kann es sich ausbreiten. In der Gruppe, in der die vorhin beschriebene Aufstellung ablief, waren alle Teilnehmer Amerikaner. Es hat sie sehr berührt, in ihrer Seele ist was Gutes abgelaufen. Aber dass man daraus jetzt politisches Handeln ableiten kann oder es beeinflussen und darauf Druck ausüben will, das halte ich nicht für gerechtfertigt. REINECKE Afghanistan ist weit, viele Moslems in Deutschland und Europa dagegen sind uns nahe, wenn auch häufig nur im räumlichen Sinne. Gerade angesichts der Angst vor den sogenannten "Schläfern" zeigt sich momentan selbst bei toleranten Menschen mehr oder weniger deutlich, wie schwierig die echte Integration zugewanderter Ausländer manchmal sein kann. Über bekannte Ursachen der Fremdenfeindlichkeit wie zum Beispiel Angst oder schlichtes Unwissen, ist bereits viel gesagt worden. Welche Hindernisse eines friedlichen Zusammenlebens lassen sich darüber hinaus aus systemischer Sicht erkennen und was können ausländische Mitbürger gerade jetzt selbst tun, um in Frieden in den Ländern zu leben, die sie aufgenommen haben? HELLINGER Die Ausländer selbst können von sich aus wenig tun. Sie sind ja in der Minderheit. Erst muss sich die Mehrheit ihnen öffnen. Man öffnet sich ihnen, indem man ihre Besonderheit anerkennt, auch ihre besondere Religion und was damit verbunden ist. Wenn man dann ins Gespräch miteinander kommt, "Was können wir gemeinsam tun, damit die Vorurteile abgebaut werden?", dann können beide Seiten sich zeigen und füreinander öffnen. Das baut Vorurteile ab. Man kann in solchen Gesprächen dann auch auf die berechtigte Angst zu sprechen kommen, die viele hier im Lande haben, dass sich dort extreme Gruppen einnisten können. Dann bekommen die ein Verständnis für diese Ängste und dann haben Extremgruppen in diesen Kreisen weniger Chancen als sie jetzt vielleicht haben. Denn diejenigen, die anerkannt sind, die können auch mit der Mehrheit fühlen und werden sich dann eher gegen Extremgruppen abgrenzen. REINECKE Es scheint so, dass uns in Europa und in Deutschland die Ereignisse vom 11. September mehr berührt haben, als eine Reihe anderer fernsehwirksamer Katastrophen, von denen wir in letzter Zeit erfahren haben. Der deutsche Bundeskanzler Schröder hat sich bald nach dem Anschlag und mehrfach in unerwartet eindeutiger Weise zu tatkräftiger Unterstützung der USA, auch durch militärische Einsätze, bekannt. Müsste man nicht eigentlich erwarten, dass diese "uneingeschränkte Solidarität" allen Opfern von Not und Elend auf der ganzen Welt immer und in gleicher Weise gelten sollte? Könnte man die außergewöhnlich starke Betroffenheit auch der deutschen Bevölkerung mit einer Art gemeinsamen Familiengewissens, zum Beispiel von USA und Europa, erklären oder was ist es, was uns dieses Mal besonders mit den Opfern zu verbinden scheint? HELLINGER Natürlich gibt es viele gemeinsame Wurzeln. Aber es genügt vielleicht an dieser Stelle zunächst, dass wir uns daran erinnern, wie viel wir Amerika und den amerikanischen Truppen verdanken. Wir haben uns aus vielen Konflikten heraushalten können, weil die Amerikaner ihren Kopf hingehalten haben. Und jetzt, wo auf einmal die USA in einer gewissen Not sind, kommt diese Bereitschaft auch aus einem Gefühl der Dankbarkeit auch gegenüber dem, was sie für Deutschland getan haben. Ich denke hier zum Beispiel an die Berlinblockade und dass oft, wo wir nicht tätig wurden, sie tätig geworden sind. In diesem Sinne halte ich diese Solidarität auch für angebracht und gut. Gleichzeitig muss man aber auch bedenken, dass wir, während wir solches Mitleid haben mit den Opfern von New York, die vielen Tausende von Opfern, die in unseren Städten verbrannt sind, nicht mehr im Blick haben und sie noch nicht in angemessener Weise betrauert haben, wohl deswegen, weil wir uns zu sehr an anderen schuldig gemacht haben. Wir könnten daher den 11. September zum Anlass nehmen, auch ihnen die Ehre zu geben und um sie zu trauern. Das würde dann vielleicht auch den Amerikanern oder den Briten, oder anderen helfen, die bei diesen Bombardements doch auf unmenschliche und oft unnötige Weise so viele Menschen zu Tode gebracht haben. Sie könnten dann auch anfangen, diesen Toten in die Augen zu schauen und gemeinsam mit uns über sie zu trauern. Das würde uns noch tiefer miteinander verbinden, als wenn wir einseitig nur um die Opfern dieses Anschlages am 11. September trauern. REINECKE Du bereist gegenwärtig die Welt und stellst Deine Arbeit in vielen Ländern vor. Hast Du in Deinen jüngsten internationalen Workshops nach dem 11. September den Einfluss der Anschläge und deren Folgen gespürt und wenn ja, wie äußerten sich diese Geschehnisse in Aufstellungen oder bei den Menschen, die daran teilnahmen? HELLINGER In Russland oder in Japan oder in Taiwan hatte das keinen Einfluss auf die Aufstellungen. In Amerika hatte es einen gewissen Einfluss, zum Beispiel in der vorhin erwähnten Aufstellung. Aber ich kann in diesem Zusammenhang ein weiteres Beispiel bringen, das
auf einer anderen Ebene verdeutlich, was ich vorher gesagt habe:
Denn in dieser Aufstellung wurde klar, die Atombombe war Amerika und der Großvater war Japan. Japan war aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Es hat ja viele Völker überfallen und man muss in diesem Zusammenhang auch den Angriff auf Pearl Harbor in die Betrachtung miteinbeziehen. Ich habe also noch einmal den Vertreter für die Atombombe, diesmal als Vertreter für die USA aufgestellt und den Stellvertreter für den Großvater als Vertreter für Japan und habe dann die Opfer beider Seiten vor sie gestellt, die der Japaner und die der Amerikaner. Nach einiger Zeit haben die Opfer einen Kreis um beide gebildet und sich dabei an den Händen gehalten. Dann standen sich Japan und die USA im Kreis der Opfer einander gegenüber. Der Vertreter der USA blieb unbeweglich. Ganz langsam ist der Vertreter von Japan dann auf die USA zugegangen. Als er nahe herangekommen war, haben die USA ihm die Hand entgegengestreckt. Das war sehr eindrucksvoll, weil die historische Wirklichkeit ganz klar abgebildet wurde. Amerika war der zuerst Angegriffene. Deshalb musste Japan den ersten Schritt auf die USA zu machen. Erst dann konnte Amerika die Hand ausstrecken. Das war für die Japaner, die zugegen waren, sehr bewegend und hat in der Seele ein tiefes Verständnis bewirkt, auch für die eigene Schuld Sie konnten dann das Unglück von Hiroshima und Nagasaki in einen größeren Zusammenhang einordnen und konnten die Opfer von Hiroshima und Nagasaki zusammen sehen mit den Opfern der Angriffe der Japaner. REINECKE Ich glaube, dieses Beispiel lässt sich gut auf die gegenwärtige Situation übertragen. Zuletzt eine Frage, die vielen am Herzen liegt: Gibt es für Menschen, die sich nicht mit den Gefühlen ohnmächtigen Entsetzens und hilfloser Angst begnügen wollen gegenwärtig die Möglichkeit etwas zu tun? Soll man spenden, demonstrieren, kann man anderweitig Hilfe leisten, können die Menschen als Einzelne oder als Gruppe etwas tun oder ist es womöglich sogar vermessen, auf den Gang der Dinge Einfluss nehmen zu wollen? Darf man schlussendlich überhaupt noch lachen, Feste feiern und seinen Geschäften nachgehen? HELLINGER Das darf man auf jeden Fall tun. Sonst stellt man sich dem
Leben entgegen. Tod und Leben gehören zusammen. Vielleicht kann ich hier von einer meditativen Übung berichten, die ich in Stockholm mit einer Gruppe gemacht habe, als die Menschen in Europa gemeinsam der Opfer des 11. September schweigend gedenken wollten. Hier ist der Wortlaut: Mir wurde zugetragen, dass heute um 12 Uhr in ganz Europa die Menschen drei Minuten schweigen werden, um damit der Opfer des Anschlags vom 11. September zu gedenken, Ich will mich dem mit euch anschließen, aber nicht nur durch Schweigen, ich möchte mich mit euch im Gedenken an diese Opfer etwas anders besinnen. Schließt jetzt eure Augen - stellt euch vor, ihr geht mit mir ins Reich der Toten. - Dort schauen wir auf diese Toten, sowohl auf die Opfer, als auch auf ihre Mörder, auf beide. - Dort liegen sie eng beieinander - Vielleicht wenden sie sich einander zu, schauen sich an von Mensch zu Mensch. - Die Opfer schauen auf ihre Mörder, und die Mörder schauen auf ihre Opfer, bis sie erkennen, dass die anderen Menschen sind wie sie. - Die Mörder öffnen ihre Herz für ihre Opfer, und die Opfer öffnen ihre Herz für ihre Mörder. - Dann wenden sie sich um, schauen in die Weite bis zum Horizont und verneigen sich. - Plötzlich werden sie inne, dass sie alle in der Hand von Kräften sind, die über sie hinausreichen, die Opfer und die Täter. Beide erkennen, sie standen im Dienst von etwas Größerem, dem sie völlig ausgeliefert sind, jenseits ihrer Absichten oder ihrer Ängste oder ihrer Hoffnungen und Pläne. Wir können uns auch vorstellen, was würde geschehen, wenn auch die Überlebenden, wenn auch die Familien der Opfer und der Täter sich gegen dieses Horizont hin wenden und sich vor einem verborgenen Geheimnis verneigen, sich ihm völlig überlassen und anvertrauen. - Und wen auch wir uns mit ihnen vor diesem Größeren verneigen. Wenn wir uns diesem anderen überlassen, bis wir im Einklang mit ihm sind, können wir leichter alle Gedanken an Rache hinter uns lassen, auch den Vorwurf, und werden fähig dem Frieden zu dienen und der Versöhnung. REINECKE Vielen Dank für das Interview. Alles Gute für Deine bevorstehende Reise zu einem internationalen Workshop in Israel |
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