Das Virtuelle InstitutAufstellerMitgliederbereichÖffentliches Forum
 
    Das Virtuelle Institut | Trauer und Versöhnung
 

Frieden, was heißt das? - von Bert Hellinger

Eröffnungsvortrag auf dem Kongress "Leidenschaft und Verantwortung" in Würzburg
(30. April - 3.Mai 2003. Erschienen auch in "Praxis der Systemaufstellung", Heft 2003/1).

Die wichtigsten angesprochenen Themen

  • Friede beginnt in der eigenen Seele
  • Friede setzt sich fort in der Familie
  • Wie Frieden in anderen Bereichen stiften?
  • Friede vermeidet Konflikte nicht
  • Friede ist nie vollendet
  • Den Frieden bedrohen vor allem Gruppen
  • Frieden zwischen Völkern
  • Versöhnung zwischen den Religionen

 

Frieden heißt:

das, was sich vorher entgegenstand, findet zusammen;

das, was sich vorher ausschloss, erkennt sich gegenseitig an;

das, was sich vorher bekämpfte, verletzte, bekriegte und sich
sogar vielleicht vernichten wollte, betrauert gemeinsam die
Opfer beider Seiten und das Leid, das sie einander zugefügt
haben.

Was bewirkt der Friede?

Jene, die sich über die anderen erhoben haben und sie für minder oder feindlich erachteten, erkennen andere als gleichberechtigt an. Sie bestätigen sich gegenseitig das, was sie an Besonderem haben, nehmen voneinander und geben einander.

Der Frieden zwischen ihnen erweitert ihre persönlichen Grenzen, erlaubt ihnen innerhalb dieser Grenzen die Vielfalt und das jeweils Eigene, und er erlaubt gemeinsames Handeln.

Dieser Friede beginnt in der eigenen Seele. Was wir zuvor in uns selbst verworfen, verdrängt und bedauert haben, das darf nun gleichberechtigt seinen Platz einnehmen neben dem, was wir schon vorher bejaht haben. Es wird in seiner Bedeutung, in seinen Folgen und in dem, was es zu unserem Wachstum beigetragen hat, anerkannt und sogar geliebt.
Dies verlangt von uns, dass wir Abschied nehmen vom Ideal der Unschuld, die weder fordert noch zumutet, die lieber leidet statt handelt, die lieber Kind bleibt statt zu wachsen.

Dieser Friede setzt sich fort in der Familie. Viele Familien wollen unschuldig bleiben, sind zum Beispiel vor allem auf ihr Ansehen bedacht, und verheimlichen, verdrängen und beseitigen sogar, was ihr Ideal von Unschuld gefährdet. So werden sie schuldig, um unschuldig zu bleiben. Sie stoßen einzelne Mitglieder aus, schämen sich ihrer und verdrängen das Andenken an sie, weil ihnen ihr schweres Schicksal Angst macht und die Erinnerung an sie schmerzt. Damit verkümmert diese Familie und kapselt sich ab.

Frieden in den Familien ist nicht das Einfache, nicht das Bequeme. Wer hier Frieden will und dem Frieden dient, stellt sich auch dem Schweren, dem Schmerzlichen, der Schuld. Er gibt allen Familienmitgliedern in seiner Seele einen Platz, auch wenn sie anders sind, als andere es wünschen oder wahrhaben wollen. Er stellt sich der Herausforderung und auch der Auseinandersetzung, die am Ende dazu führt, die anderen und das andere als gleichberechtigt anzuerkennen und zu lieben.

Wie können wir Frieden darüber hinaus auch in anderen Bereichen stiften? Zuerst vielleicht nur im kleineren Kreis, zum Beispiel zwischen Nachbarn oder am Arbeitsplatz, und später auch dort, wo wir größere Verantwortung tragen, zum Beispiel in einer Organisation oder in der Politik.

Frieden bringen können wir hier nur, wenn wir die Würde aller Beteiligten achten und das Besondere an ihnen; das, was sie sind und leisten und was sie zum Ganzen beigetragen haben. Dies verlangt auch, dass wir ihre Schuld achten und sie nicht aus der Verantwortung für die Folgen ihrer Schuld entlassen - denn auch das gehört zu ihrer Würde.

Der Friede vermeidet die Konflikte nicht. Denn im Konflikt zeigen die Beteiligten, was ihnen wichtig ist und wo sie sich bedroht erfahren. Im Konflikt bringen sie ihr Eigenes so lange zur Geltung, bis sie zugeben müssen, wo und inwieweit ihnen durch die anderen Grenzen gesetzt sind. Erst dann sind Ausgleich und Austausch zwischen ihnen möglich. Dies lässt jeden am Besonderen der anderen wachsen und reicher werden. In diesem Sinne ist der Konflikt eine Voraussetzung für den Frieden und bereitet in vor.

Der Friede ist nie vollendet. Der ewige Friede, wie er von vielen erträumt wird, wäre Stillstand. Dennoch bringt der Friede etwas zum Abschluss: Was vorher die Kräfte im Konflikt erschöpft hat, tritt nun befriedet zurück. Wir müssen dem Konflikt aber auch erlauben zurückzutreten, sonst wird er, nachdem er gelöst ist, wieder belebt. Und was belebt den Konflikt von neuem? Die Erinnerung! Daher muss, was vorbei ist, auch vorbei sein dürfen.

Den Frieden bedrohen vor allem die Gruppen. Wenn wir dem anderen nicht mehr von Mensch zu Mensch begegnen, wenn wir uns vorwiegend als Teil unserer Gruppe und den anderen nur als Teil seiner Gruppe wahrnehmen, werden wir blind für die Einzelnen. Als Teil einer Gruppe werden wir leicht von uns selbst entfremdet - gleichsam besinnungslos, und lösen uns auf ins Kollektive.

Die Frage ist nun: Wie kann man zwischen den Gruppen Frieden stiften? Denn gegen die kollektiven Kräfte sind die Einzelnen weitgehend machtlos, auch wenn sie selbst besonnen bleiben. Was bleibt ihnen dann als Möglichkeit? Sie müssen warten auf die rechte Zeit, bis sich das Zerstörerische erschöpft hat. Doch sie können dem Frieden bereits im engeren, kleineren Kreis die Wege bereiten. Das verlangt von ihnen in der Zwischenzeit, dass sie den Konflikt aushalten, ja ihm sogar als unausweichlich zustimmen.

In einem neuen Buch ( Der Friede beginnt in den Seelen) dokumentiere ich an Beispielen aus den beiden letzten Jahren, was den Frieden in den Seelen vorbereitet. Dabei geht es einmal um den Frieden zwischen Völkern: zum Beispiel den Griechen und den Deutschen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, den Frieden zwischen den Armeniern und den Türken nach der Verfolgung, den Frieden zwischen Russland und Deutschland, zwischen Japan und den U.S.A sowie zwischen Israel und seinen Nachbarn.
Es geht in diesem Buch aber auch um die Versöhnung zwischen den Religionen, zum Beispiel zwischen Christentum und Islam, um die Versöhnung zwischen den Eroberern und den Unterworfenen in Südamerika, die Versöhnung im Bürgerkrieg von Kolumbien und die Versöhnung zwischen Herren und Sklaven in Brasilien und den USA.

Oft liegen diese Konflikte weit zurück, wirken aber in den Seelen der Nachkommen noch nach. Mit Hilfe des Familien-Stellens gelingt es über Stellvertreter, die ursprünglich Beteiligten einander gegenüberzustellen. Dann schauen sie sich vielleicht zum ersten Mal in die Augen, sehen sich als Menschen, die einander gleich sind, mit gleichem Recht und gleicher Würde, begreifen, was sie anderen angetan und was diese durch sie erlitten haben, beginnen gemeinsam um das Verlorene zu trauern, versöhnen sich und finden Frieden.
Erst dann können sich auch ihre Nachkommen miteinander versöhnen, können den Opfern die Ehre geben und machen im Andenken an sie früheres Unrecht wieder gut, soweit dies noch gutgemacht werden kann. Dann können sie das Vergangene endlich hinter sich lassen und aufbauend in der Gegenwart handeln.

Beim Familien-Stellen beginnt das Werk der Versöhnung in der einzelnen Seele und in der Familie. Wenn dort die Versöhnung gelingt, breitet sie sich auch auf größere Gruppen aus. Daher bleiben wir beim Familien-Stellen bescheiden und sind uns unserer Grenzen bewusst. Der tiefe und bleibende Friede entzieht sich der Absicht. Wo er gelingt, erfahren wir ihn als geschenkt.

Literaturhinweis: Der Friede beginnt in den Seelen


 
© 2003 Bert Hellinger International Impressum | Sitemap | Kontakt