Das Virtuelle InstitutAufstellerMitgliederbereichÖffentliches Forum
 
    Das Virtuelle Institut | Trauer und Versöhnung
 

Warum sollte man sich von neuen Wegen zu gelingender Versöhnung distanzieren? - Von Michaela Kaden

Berlin, 19. Mai 2004. Anstelle eines Leserbriefs zu einer Sendung von Report München.

Die wichtigsten angesprochenen Themen

  • Familiengeschehen und geschichtliche wie gesellschaftliche Dimensionen
  • Individuelle und politische Dimensionen des Gewissens
  • Diffamierung ist das Gegenteil von Aufklärung
  • Erst Berührtsein in der Tiefe der Seele ermöglicht Versöhnung
  • Moralische Entrüstung ist ein schlechter Ratgeber
  • Bei Ausschluss von Beteiligten ist kein Ende von Konflikten möglich.

Bezug nehmend auf einen offen diffamierenden Fernsehbeitrag aus jüngster Zeit über Bert Hellinger und die Arbeit mit Familienaufstellungen möchte ich einige Dinge klarstellen:

Ich bin approbierte Psychologin und ausgebildete Familientherapeutin. Bert Hellinger und seine Arbeit lernte ich 1994 in einem Seminar kennen. Seitdem wende ich das Familienstellen erfolgreich in der Gruppen- und Einzelpraxis an und bilde seit 1998 andere Therapeuten in dieser systemischen Herangehensweise sowohl in Deutschland als auch international aus.

Auf diesem Weg erweiterte sich ganz besonders meine Sicht auf Geschehnisse in Familien. Ich lernte, diese in Verbindung mit den geschichtlichen Dimensionen unserer Gesellschaft zu bringen, deren Einfluss auf die Wahrung persönlicher Authentizität zu verstehen und diese Zusammenhänge therapeutisch zum Nutzen meiner Patienen anzuwenden.

Große Anteile dieser Entwicklung verdanken sich der inneren Auseinandersetzung mit dem Familienstellen in all seinen verschiedenen Facetten und Dimensionen und dem immer wieder neuen Prüfen und Durchdenken der philosophischen Einsichten Bert Hellingers. Wesentlich waren und sind für mich hier vor allem seine theoretischen wie praktischen Einsichten zu den Wirkungsweisen des Gewissens.

Hellinger schaut genau auf die persönlichen und kollektiven Dimensionen des Gewissens und dessen Folgen für den Einzelnen und die Familien. Ein Aspekt, der von manchen Medienberichterstattern, zum Teil auch von Anwendern des Familienstellens zugunsten des schon allein faszinierenden Phänomens "Aufstellung" vernachlässigt wird.

Wie die Macher sich als kritisch verstehender Magazinsendungen wünsche ich mir ebenfalls aufgeklärte, selbstständige und reife Mitmenschen. Die Berichterstattung von Fernseh-Reports sollte dem dienen. Seltsamerweise argumentiert man jedoch gerade in letzter Zeit einseitig und auf eine Weise, die Zuschauer geradezu dazu aufruft, sich von der Arbeit mit Familienaufstellungen im allgemeinen und von der Person Bert Hellingers im besonderen zu distanzieren.

Das ist eine normale persönliche und gesellschaftliche Reaktion auf konfrontierende Ereignisse und Sichtweisen, die den bisherigen Konsens infrage stellen.

Auch wenn derzeit ein gesellschaftlicher Druck in dieser Richtung bestehen sollte und redaktionelle Vorgaben die Konsequenz sind:

Wäre Aufklärung nicht, dass ein wirklich Fragender versucht, das Neue und Infragestellende zu erkunden und in seiner Bedeutung für alle sichtbar zu machen?

Abwertung und Verurteilung ist der Weg, den Menschen wählen, um sich selbst gegenüber anderen besser oder richtiger zu fühlen. Jeder kennt das aus der Geschichte, insbesondere in Deutschland.

In den Jahren 2001 bis 2003 habe ich an Bert Hellingers Kursen in Israel teilgenommen und anschließend mehrere Seminare einer Weiterbildung für Therapeuten mitgeleitet. Viele der Teilnehmer hatten Familienmitglieder im Holocaust verloren. Die Arbeit war geradezu überwältigend und hat alle Mitwirkenden, Aufsteller wie Klienten, tief berührt.

Wie sollte ich mich von einer Person und einer Methode distanzieren, die mir die Fähigkeiten und die Kraft gegeben haben, als Deutsche mit jüdischen Opfern in Israel zu arbeiten? Hier hilft nicht die Absicht allein, "gut" (oder "besser"?) zu sein. Bei der Bewältigung von Konflikten ist moralische Entrüstung über ein furchtbares Geschehen oder Verhalten, "das m i r (!) nicht passiert wäre", kein guter Ratgeber.

Die konkrete Versöhnungarbeit Bert Hellingers zeigt:

Erst wenn Menschen in der Tiefe ihrer Seele berührt sind, wird eine andere Sicht möglich und es öffnet sich ein Weg für alle Beteiligten, Opfer und Täter als Menschen zu sehen. Dann erst beginnt eine tiefe Trauer auf beiden Seiten, eine Trauer, die verbindet und daher versöhnt.

Diese Herausforderung an meine Offenheit und der tiefe Respekt für alle Kollegen und Teilnehmer, mit denen ich arbeiten durfte, sind mir eine kostbare Erfahrung und so ist auch diese Frage mehr als legitim:

Wäre Aufklärung dann nicht auch, Bert Hellingers Einsichten und Arbeiten zum Thema Opfer und Täter ernst zu nehmen, sie zu bedenken und zu prüfen, statt sie oberflächlich und vorschnell der Verurteilung auszusetzen?

Gilt es gegenwärtig in Deutschland gegenwärtig nicht als politisch korrekt, in Konflikten Täter und Opfer in den gemeinsamen Blick zu nehmen?

Nicht wenigen scheinen zur Zeit Hellingers Gedanken zu kühn und zu provokativ; manchem fällt es sichtbar schwer, ihnen in unserem gegenwärtigen Bewusstsein Raum zuzugestehen. Vielleicht sind sie jedoch eine dringend notwendige Anregung zum Lernen, wie wir integrieren, statt auszuschließen - persönlich, in unseren Familien und in unserer Geschichte als Deutsche - mit dem Blick auf die, die nach uns kommen.

Literaturhinweise

Der Friede beginnt in den Seelen

Rachel weint um ihre Kinder


 
© 2003 Bert Hellinger International Impressum | Sitemap | Kontakt